MIT VOLLGAS ZUR WELTSPITZE

MIT VOLLGAS ZUR WELTSPITZE

Martin Smolinski ist mittlerweile 32 Jahre alt. Und seit er laufen kann, gibt der Olchinger Vollgas. Irgendwie hat er Methanol im Blut. Mit diesem Gemisch, das fast rückstandsfrei Wasserdampf und Kohlendioxid verbrennt, treibt er das an, womit er am besten fährt: 80 PS starke Motoren, die seine Speedway-Maschine auf bis 120 Sachen bringen. Handicap: Sein Motorrad hat keine Bremsen.

 

Martin Smolinski ist mittlerweile ein Star, schreibt aber nicht bloß Autogrammkarten, sondern hat ein komplettes Fan-Merchandising aufgebaut. Kein anderer in der Speedway-Branche zwischen Flensburg und Garmisch kann da mithalten. 2016 war sein erfolgreichstes Jahr – zumindest auf nationaler Ebene: deutscher Einzelmeister, deutscher Mannschaftsmeister (mit Landshut), deutscher Langbahnmeister. Da wird droben im hohen Norden selbst der legendäre Egon Müller blass. Die Speedway-Legende der 1970er-Jahre aus Kiel, als es nur zwei TV-Sender gab und die Rennen noch in der Sportschau gezeigt wurden, ist aber der große, alte Mentor des jungen, drahtigen Oberbayern. International machte Smolinski ein Jahr davor Schlagzeilen, als er als Grand-Prix-Debütant gleich das erste Rennen in Neuseeland, danach aber nichts mehr gewann. Der Grand Prix blieb eine Eintagsfliege, die aber spätestens 2018 wieder brummen soll. Die erste Quali-Hürde wurde bereits genommen.

 

Momentan, in der Hoch-Zeit der Saison düst Smolinski von einer europäischen Piste zur nächsten. Oft innerhalb eines Tages etwa von Kroatien nach Polen, von einem Rennen zum anderen. Mittlerweile in dem von einem Leipziger Autohaus gesponserten Sprinter, der gleichzeitig Werkstatt und Schlafstätte ist. Im Ausland sind die Stadien mit mehr als 20 000 Zuschauern gefüllt. In Polen und England ist Speedway Nationalsport, auf Augenhöhe mit Fußball oder Skispringen. Millionär ist „Smoli“ trotz sprudelnder Siegprämien noch keiner geworden. Aber mittlerweile finanziell so bestückt, dass er sich drei Mechaniker auf 400-Euro-Basis leisten kann.

 

Er selbst steht täglich in seinem Olchinger Motorradschuppen, der ganz unscheinbar in einer Nebenstraße mitten in der City steht. Dort, an der Schwojerstraße auf Ruf- und Hörweite zur Speedway-Arena „drüberhalb“ der Amper, ist er aufgewachsen. Seine Mutter, die beim örtlichen Motorsportclub gleichzeitig die Pressearbeit machte, starb, als der Bub 13 war. Schon damals galt Martin als Top-Talent. Vater Georg saß bis vor zwei Jahren noch bei jedem Rennen als Stadionsprecher am Mikro, ehe er von Vorstandsquerelen entnervt das Handtuch schmiss.

 

In Olching hat Smolinski auch einen richtigen Beruf gelernt. Motorradmechaniker natürlich, beim Estinger Zweiradhändler Fuchs. Noch immer ist er in seiner Heimatstadt „der Lehrling“. So wird er auf der Straße angesprochen, so wird er bei seinem täglichen Morgenkaffee in der benachbarten Bäckerei begrüßt. In Landshut, wo das Bundesliga-Team Kult ist und ähnlich wie die ruhmreichen Eishockey-Spieler gefeiert wird, ist das ganz anders. Da grüßt schon mal auf einer Brücke über der Bundesstraße ein überlebensgroßes „Smoli“-Banner den durchbrausenden Autofahrer. Und der reibt sich dann die Augen, wenn an der nächsten Ampel im daneben wartenden Auto just eben jener Werbeträger leibhaftig auf grünes Licht wartet. „Ist schon irgendwie lustig“, sagt der Star ohne Allüren über derartige Erlebnisse.

 

Vor zwei Jahren hat der Münchner Filmemacher Dee Dee Wallauer eine abendfüllende Dokumentation über Smolinski gedreht – mit höchst emotionalen Szenen, die selbst vermeintlich hartgesottenen Easy-Rider-Typen die Tränen in die Augen trieben. „Speed, Mud and Glory“ lief nach seiner Münchner Premiere mit vielen Ehrengästen (Egon Müller war auch dabei) in ausgewählten Programmkinos in ganz Deutschland. Freilich vornehmlich dort, wo bekannte Speedway-Hochburgen in der Nähe sind. Auch in Gröbenzell war er zu sehen.

 

Daheim in Olching registriert der 32-Jährige dagegen in der breiten Öffentlichkeit ein eher „merkwürdiges Verhältnis“ zu dem Sport, der die einstige Gemeinde einmal groß herausgebracht hat. Kann sein, dass es an der fast ruinösen Klage einer Anwohnerin lag, die vor gut zehn Jahren fast die Existenz des MSC vernichtet hätte. Weltcup-Rennen mit der Fahrer-Elite aus Australien und USA wurden ausgetragen. Die Fronleichnamsrennen während des gleich nebenan steigenden Volksfests waren legendär. Sind sie zwar immer noch, aber längst nicht mehr so gut besucht.

 

Zehn Jahre noch – so lange will Smolinski Rennen fahren. Dann ist er 42. Der aktuelle Weltmeister ist gerade 47 geworden. 42 wäre auch die Hälfte der Zahl, auf die er ein vom internationalen Verband verbrieftes Copyright hat: Die 84 ist sein Geburtsjahrgang und die Startnummer, mit der er weltweit unterwegs ist. Und diese Zahl prangt auch auf den verkauften Fanartikeln. Weil es rund läuft, dreht er weiter Runde um Runde gegen den Uhrzeiger. Das macht er, seit er seinen fünften Geburtstag gefeiert hat. Stürze hat er unzählige erlebt, schwerere Verletzung – abgesehen von üblichen Prellungen und Abschürfungen – nur sieben, die ihm in Erinnerung geblieben sind. Und ohnehin: „Ungefährlich ist es heutzutage nirgends mehr.“

 

Die Knochenbrüche sind verheilt, die Sucht nach Methanol und Speedway bleibt: „Das ist wie eine Droge.“ Er sagt von sich, er sei ein Adrenalin-Junkie. Die Maschine mit viel Gefühl und Gleichgewichtssinn stets am Limit durch die Kurven zu manövrieren. Das ist seine Welt. Eine ganz dreckige noch dazu. Doch mittlerweile scheint er zwar nicht jedes Staubkorn auf den Pisten dieser Welt zu kennen, aber zumindest jedes kleinste Detail der Strecke wie aus der Westentasche. „Es wird trotzdem nicht langweilig. Wie gern haben wir als Kinder im Dreck gespielt und mit Sand geworfen. Ich darf das heute immer noch und werde dafür auch noch bejubelt.“

 

Die Zukunft der bei ihm buchstäblich schnelllebigen Zeit hat Smolinski ebenso klar strukturiert wie den Alltag, der mit Putzen beginnt („Ich bin sehr penibel, Sauberkeit ist das höchste Gut bei uns im Team, denn das kleinste Staubkorn kann zum Ausfall führen“). Fortgesetzt wird der Tag mit Marketing, beendet mit Schrauben und Tüfteln. Ist das Tagwerk vollbracht, bleibt noch ein spätes Gassi-Gehen mit Schäferhündin „Nala“, die ihn seit zwei Jahren auf Schritt und Tritt begleitet. Und eine perfekte Aufpasserin in der Werkstatt ist, um Betriebsspione, die nur allzu gern einen Blick auf die Motorengeheimnisse werfen wollen, mit einem scharfen Blick und ebenso scharfen Zähnen schnell zu vertreiben.

 

Später, als Renn-Rentner, will er in der Branche bleiben, Motoren bauen, sie verkaufen und bewerben. Praktisch, wenn da die Freundin in der Schmiermittelbranche tätig ist und sich auskennt im Metier. Mit seiner Veronika, das „Vronerl Zitronerl“ von der Facebook-Seite, hat Smolinski gerade das verflixte siebte Jahr glücklich hinter sich gebracht. Heirat? „Irgendwann nicht ausgeschlossen.“ Auch von Kindern spricht er schon. Allerdings nicht von eigenen, sondern von denen, die er von der Straße zum Bahnsport bringen will. „Es gibt nichts Idealeres für Kinder, um sie auf den gefährlichen Autoverkehr vorzubereiten. Gefahrlos können sie sich bei uns mit Gas, Kupplung und Bremse vertraut machen.“ Für ihn immer noch besser als Fußball, mit dem er so gar nichts anfangen kann. Schon allein wegen der „fehlenden Vorbildfunktion“. Beim Fußball, so sagt Smolinski, „gibt es doch nur Aua-Schreier, die sich bei jeder Berührung theatralisch auf den Boden schmeißen. Und ich bekomm’ schon einen Anschiss, wenn ich mal ohne Helm fahre.“ Peter Loder

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