Retten, was zu retten ist

Retten, was zu retten ist

Ausgemergelt ist das Holz, eingefallen wie die Wangen eines Greises. Vor allem dort, wo die Karren fuhren und die Füße gingen, welche die Last von vielen zentnerschweren Säcken schleppten. 100 Jahre lang und länger. Hier ist der Boden nachgiebig geworden wie Gummi, dort staksen Astlöcher wie Knochen empor. „Stolperfallen“ für die Besucher der Furthmühle in Egenhofen, ist zu befürchten. Susanne Poller wägt ab. Gemeinsam mit den Eigentümern, der Familie Aumüller, die in dritter Generation die Mühle betreibt und als Museum öffnet, begleitet sie die Sanierung des fast 200 Jahre alten Baudenkmals – fachkundig. Vor allem aber einfühlsam. So, wie sie es seit zehn Jahren als Kreisheimatpflegerin für Baudenkmäler im Landkreis Fürstenfeldbruck schon tut. „Angst braucht jedenfalls keiner vor mir zu haben“, lacht die 50-Jährige, die in ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit ja „nur“ der Vermittler zwischen den Eigentümern und den Behörden ist.

Wenn Susanne Poller erzählt, von der Furthmühle, dem Jexhof, von der Brauerei Maisach und ihren historischen Maschinen, vom Kraftwerk Schöngeising oder von diesen und jenen Villen und Kirchen im Landkreis, deren Sanierung oder Teilsanierungen sie mitbegleiten durfte, beginnen ihre Augen zu leuchten. Und wenn sie dann berichtet, von den kleinsten Details, wer wann was und warum gekauft, so gebaut oder verwendet hat, kann man nur staunend lauschen. Die Architektin aus Schöngeising geht mit offenen Augen und Ohren durch den Landkreis und den historischen Wurzeln auf den Grund – mit Energie, Enthusiasmus und einem Engagement, dass nicht nur Theresa Aumüller voller Lobes ist. „Die Frau Poller hat so viel Gefühl für Denkmäler und Leute, das geht besser gar nicht!“

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Anscheinend hegen Sie eine große Leidenschaft für alte Baudenkmäler. Sind Sie als Architektin darauf spezialisiert?

Eigentlich nicht – das war eher immer nur so ein „Nebengeräusch“ meiner Arbeit, das stets sehr viel Spaß gemacht hat. Gerne wäre ich im Berufsleben tiefer in die Denkmalpflege eingestiegen, habe aber nach Auftragslage als angestellte Architektin andere Projekte bearbeitet. Erst mit der bewussten Entscheidung für Familie und eigene Kinder habe ich meinen Beruf zum Hobby gemacht und bewarb mich auf eine offene Stelle beim Landkreis Fürstenfeldbruck.

Sie meinen das Amt als Kreisheimatpflegerin?

Genau. Dieses Ehrenamt ist in unserem Landkreis in drei Aufgabenbereiche aufgegliedert: einmal in Volksmusik und Brauchtum, zum Zweiten in Bodendenkmalpflege/Archäologie und ein dritter Bereich beschäftigt sich mit der Baudenkmalpflege.

Und was ist hier Ihre Aufgabe?

Wir sehen uns als Berater, die auf bauliches Fachwissen aber auch regionale Ortskunde zurückgreifen können. Ungefähr einmal im Monat gibt es ein Treffen mit der Unteren Denkmalschutzbehörde und der Gebietsreferentin vom Landesamt für Denkmalpflege, bei dem wir die Fälle besprechen und falls notwendig einen Ortstermin wahrnehmen. Entscheidungen treffen die Fachbehörden – ich bin mit meinen Kenntnissen eher mal das Zünglein an der Waage.

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Dann müssen Sie sehr gut Bescheid wissen. Wie kommen Sie denn eigentlich an die Informationen heran?

Vieles erarbeite ich mir in Weiterbildungen, aus Fachzeitschriften ober im Austausch mit Kolllegen. Sehr viel bringen die Jahrestreffen im Arbeitskreis für Hausforschung, dem ich angehöre. Anderes bekomme ich erzählt oder höre ich zufällig, wenn ich unterwegs bin. In Archiven oder im Internet fasse ich dann nach. Die Recherchen machen mir unheimlich viel Spaß und zum Glück kann ich es mir leisten, mich ein paar Stunden lang mit einem Schwerpunkt zu beschäftigen. Besonders schön finde ich bei dieser Arbeit, dass ein regelrechtes Netzwerk entsteht. Jeder weiß etwas und plötzlich entsteht ein buntes Bild, das mit der Zeit immer dichter wird.

Wenn es um Denkmalpflege geht, gehen aber viele Eigentümer alter Gebäude in Deckung.

Vor mir braucht wirklich niemand Angst zu haben. Der Kreisheimatpfleger ist das Gelenk zwischen privaten Nutzer und öffentlichen Behörden. Ich bin neutral und unabhängig und berate, kläre auf, gebe eine erste Einschätzung. Wer sich an mich wendet, muss nicht fürchten, dass ich irgendetwas weitergebe und demjenigen ein Nachteil entsteht. Manchmal bin ich auch der erste Ansprechpartner für Frust wegen eines laufenden Verfahrens und versuche eventuelle Missverständnisse aufzuklären. Ich kann natürlich auch Hilfe anbieten, etwas in die Wege zu leiten und bei den entsprechenden Stellen nachzufragen.

Wie Zuschussmöglichkeiten?

Genau. In dem Fördertopfdschungel der Kommunen, Gemeinden, Landkreise, Bezirke, Bund und Land muss auch ich mich immer wieder informieren. Oft ändern sich Bestimmungen und Formulare. Aber ich weiß inzwischen vieles und habe auch schon Dinge erreicht, von denen man anfangs nicht gedacht hat, dass das so geht. Zum Beispiel bei energetischen Sanierungen im Baudenkmal und bei erhaltenswerter Bausubstanz. Und wenn nötig, setze ich mich auch mal beim Antragsteller an den Küchentisch und helfe ihm beim Ausfüllen der Anträge.

Wie schaut es denn insgesamt im Landkreis mit dem Erhalt alter Gebäude aus?

Derzeit gibt es sehr viele Kirchensanierungen im nördlichen Landkreis mit unglaublich engagierten Kirchenpflegern. Wir dürfen zudem gespannt sein, was in Olching/Gröbenzell mit dem Nutzungskonzept für eines der großen landwirtschaftlichen Anwesen weitergeht. Und es freut mich, dass es in der Stadt Fürstenfeldbruck im Lichtspielhaus weitergehen wird.

Trotzdem ist bei vielen Kommunen noch nicht ganz angekommen, dass auch nicht denkmalgeschützte Häuser es wert sind, erhalten zu werden. In Olching wurden zum Beispiel in der Vergangenheit viele alte Häuser platt gemacht. Und in Grafrath schlagen die Wellen hoch wegen des Gasthauses …

Ja, das ist schade. Der Klosterwirt stand nicht in der Liste und dann kam ein Bewerber und die Gemeindevertreter entschieden sich gegen das Haus: Abreißen, Verdichten, Neubauen, das passiert leider ständig und in die Denkmalschutzliste wird oft erst geschaut, wenn es schon zu spät ist. Tatsächlich ist mein Ehrenamt dann manchmal auch unbefriedigend, damit muss man umgehen können.

 Mit Albert Aumüller (Furthmühle) ist Susanne Poller ständig in Kontakt. Beiden liegt die sensible Sanierung des Gebäudes und der Mühlentechnik sehr am Herzen.

Mit Albert Aumüller (Furthmühle) ist Susanne Poller ständig in Kontakt. Beiden liegt die sensible Sanierung des Gebäudes und der Mühlentechnik sehr am Herzen.

Gibt es denn im Landkreis viele erhaltens- und schützenswerte Gebäude?

Die Frage ist leicht mit einem Blick in den Denkmalatlas der Fachinformation des bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege beantwortet. Mit der Zeit entwickelt man ein Bauchgefühl für erhaltenswerte Bausubstanz. Dennoch fiel es mir am Anfang im Landkreis nicht so leicht, das Denkmaltypische zu erkennen. Wenn man aus der Bamberger Ecke stammt, wo man überall auf Barock stößt, muss man im Fürstenfeldbrucker Raum umdenken und vor allem im ländlichen Bereich das 19. Jahrhundert sehen und erkennen lernen. Trotzdem, auch hier ist es so: Wenn man da kratzt und dort untersucht, kommt oft ganz Erstaunliches und Faszinierendes wie Farbfassungen, Schablonenmalereien oder handgeschmiedete Türbänder zu Tage, Schätze, die sich einem oft nicht gleich erschließen.

So ganz einfach ist die Sanierung eines denkmalgeschützten Hauses oft nicht.

Das ist immer eine Gratwanderung zwischen Schutz und Nutz. Es ist sehr schön, dass ein denkmalgeschütztes Gebäude erhalten bleibt, dennoch sollte es natürlich auch für den Eigentümer benutzbar sein. Die Frage ist, was muss erhalten werden, was darf weichen? Wann verliert das Gebäude seinen Charakter? Leider gibt es oft handfeste wirtschaftliche Interessen, die sich mit der Baudenkmalpflege nur schwer vereinbaren lassen. Bei Brandschutz, aber auch bei energetischen Sanierungen gilt es, kreative Lösungen zu erarbeiten und das Gespräch mit Fachfirmen zu suchen.

In seiner jahrhundertealten Geschichte ein Haus doch auch immer seiner Nutzung angepasst. Warum ist das heute nicht mehr erlaubt?

Das ist so nicht ganz richtig. Sonst müssten zum Beispiel im Jexhof die Besucher im Kuhstall ihren Eintritt bezahlen. Oder der Pfarrstadel in Aufkirchen dürfte nicht zum Pfarrzentrum umgebaut werden. Jedes Baudenkmal hat seinen Grund bzw. Eigenschaft, warum es den Denkmalstatus bekommen hat. Und dieser sollte nicht zu stark darf verändert werden. Die Nutzung kann selbstverständlich angepasst werden. Einmal Kuhstall immer Kuhstall bringt weder dem Kulturgut Baudenkmal noch dem Nutzer etwas. Aber die Nutzung sollte denkmalgerecht sein.

Gibt es ein Projekt, auf das Sie besonders stolz sind?

Die Umsetzung der Fenstersanierung in der Hauptstrasse 3a in Fürstenfeldbruck hat mich, wenn auch nicht stolz, so vor allem glücklich gemacht.

Warum? Was war mit dem Haus?

Bei der Sanierung habe ich die Eigentümern beraten, unbedingt auf den Fenstertausch zu verzichten und lieber die alten Holzfenster zu reparieren. Trotz der aufwändigen und kostenintensiven Sanierung durch eine Fachfirma sind die Eigentümer immer noch glücklich, dass sie meinem Rat gefolgt sind, Förderungen abgeklopft zu haben und einen durchgehenden Fensterbestand aus dem teilweise 18. Jahrhundert erhalten zu haben. Und sie haben weitersaniert, Aussentüren und die Fassade überarbeiten lassen! Für mich ist das Gebäude das schönste Haus in der Brucker Hauptstrasse und ein Musterbeispiel, wie Baudenkmalpflege gehen soll! Übrigens bekamen die Besitzer einen Fassadenpreis von der Stadt!

Haben Sie zum Dank für die Befolgung Ihres Rates deshalb die schöne Hausdokumentation gemacht? Die ist ja wirklich toll!

Nein, so etwas wurde das Nebenprodukt für den alljährlichen Tag des offenen Denkmals, der 2013 mit den Besitzern der Hauptstrasse 3a durchgeführt wurde. Ich durfte in kleinen Gruppen durch das ganze Haus führen vom Schokoladenladen bis in das Gästebad der Privatwohnung der Eigentümer. Der Andrang war riesig, die Wartenden hatten im Eingangsbereich mit der Hausdokumentation was zum Lesen und Einstimmen. Ähnliches entstand als Gesamtwerksuche auch in einem generationenübergreifendem Team für die Ausstellung des Brucker Architekten Adolf Voll 2015 im Ausstellungkatalog. Archivsuche ist spannend, macht Spaß, ist aber auch anstrengend. Denn in dieser Zeit bin ich in jeder Mittagspause im Galopp vom Büro ins Staatsarchiv gerannt und habe Einsicht in vorbestellte Akten nehmen dürfen, wühlen in verstaubten Regalen geht da garnicht. Und es ist schwer, bei dieser Arbeit auch einmal ein Ende zu finden.

Was ist mit der Furthmühle?

Die ist herrlich und es wert, mit Bedacht saniert zu werden. Deshalb haben wir mit einem Fachmann auch nur die Bodenbretter ausgetauscht, die wirklich nicht mehr zu retten waren. Herr Aumüller hat sogar aus den alten Brettern die handgeschmiedeten Nägel herausgearbeitet und gerade gebogen, damit wir sie wieder verwenden können. Die alten Bretter haben wir dann zusammengeschoben und die Lücke ersetzt. So sieht man deutlich, was neu und was alt ist.

Und was gibt es noch alles zu tun?

Vorrangig ist die Sanierung der Mühlentechnik, damit wieder richtig gemahlen werden kann – leider ja nur noch zu Schauzwecken, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sich die Richtlinien eines Tages wieder lockern. Die Gaubenfenster müssen oben auch getauscht werden: Weil sie wegen der Hygienevorschriften nicht mehr geöffnet werden durften, ist durch die fehlende Lüftung Schimmel und Pilzbefall entstanden. Nicht wichtig aber schön wären dann noch neue Lampen im Erdgeschoss. Wenn man halt einmal anfängt ...

STECKBRIEF

Susanne Poller (50) wurde in Kronach geboren. Nach ihrem Architekturstudium an der Fachhochschule Coburg arbeitete sie in verschiedenen Architekturbüros in Bamberg und Nürnberg. Nach der Geburt ihrer ersten von zwei Töchtern zog sie mit ihrem Partner nach Schöngeising. 2008 machte sich Susanne Poller selbständig und arbeitet seit vier Jahren in der Landesbaudirektion München. Vor zehn Jahren übernahm sie die ehrenamtliche Tätigkeit der Kreisheimatpflegerin im Bereich Baudenkmalpflege für den Landkreis Fürstenfeldbruck. Im Verein Stadtführer e.V. konzipiert sie auch Themenführungen im Landkreis. In ihrer Freizeit ist sie viel in der freien Natur.

Aufgeräumt

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Willkommen in den 70ern

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