Sachen

Sachen

 

„Bitte achten Sie nicht auf all die rumliegenden Sachen, Herr Küstenmacher, es ist nicht aufgeräumt!“ So geht das immer, wenn ich jemanden besuche. Ich bin das personifizierte schlechte Gewissen in Sachen Ordnung.

Das wollte ich aber nie sein, im Gegenteil. Weil wir in dieser Landkreisrunde unter uns sind, liebe Leserin und lieber Leser, will ich Ihnen ein Geheimnis verraten: Ich mag Sachen. Es gibt Dinge, an die erinnere ich mich mein Leben lang. Als kleiner Junge habe ich zu Weihnachten einen Bausatz für einen Metallkran geschenkt bekommen. Mit Schrauben und Muttern zusammengebaut war das rot-silberne Teil so groß wie ich – und mein ganzes Glück. Noch heute könnte ich einzelne Konstruktionsdetails davon beschreiben.

Noch grandioser fand ich Sachen, die ich herbeigesehnt habe. Mit 13 habe ich mir auf einer alten Klampfe von meinem Bruder das Gitarrespielen beigebracht – und sehr bald von einem standesgemäßen Instrument geträumt. Als ich mir die ersehnte Ibanez SG Standard endlich zusammengespart hatte, war ich total glücklich.

Heute weiß ich, dass diese Vorfreude gut ist fürs Gehirn. Sobald es ein Ziel gibt, auf das sich die Gedanken konzentrieren, schüttet das Emotionszentrum in unserem Kopf Dopamin aus. Eine schmerzlindernde, euphorisierende körpereigene Droge. Der Mechanismus stammt aus der Urzeit, damit der Jäger die Kraft und die Ausdauer bekam, der ersehnten Beute hinterher zu laufen. Ist das Ziel erreicht, geht der Dopaminlevel zurück. Glücklicherweise, denn wenn wir nonstop abgefüllt wären mit der Happy-Chemikalie, wäre unser Organismus hoffnungslos überfordert.

Ähnlich überfordert sind wir, wenn Regale und Schränke überquellen von Dingen, die uns früher einmal dopaminmäßig Spaß gebracht haben. Irgendwann jedoch ist der Effekt abgenutzt. Bei manchen Menschen schlägt er sogar um in einen Hass auf all das Zeug. Doch dann, so die paradoxe Erfahrung, wird es noch schwieriger, sich von dem Plunder zu trennen. Jede Jacke, jedes Buch, jedes Gerät, das man einmal angeschafft hat und jetzt nicht mehr braucht, empfindet man als Fehlentscheidung. Der Gegenstand schaut einen gleichsam an und ruft: „Warum hast du Depp mich je gekauft!“ Das will man nicht auf sich sitzen lassen – und behält das Ding in der Hoffnung, es eines Tages wieder zu benutzen und neues Glück dabei zu empfinden. Klappt leider fast nie.

Hass auf die Sachen ist eine dämliche Strategie. Klüger ist es, sich an die Freude zu erinnern, die einem ein Gegenstand einmal gebracht hat, ihm dafür zu danken, und sich danach in aller Freundschaft zu trennen. Am besten wäre es, wenn das alte Ding einem anderen Freude bringt. Auf dieser verlockenden Aussicht beruhen der famose Gröbenzeller Bücherflohmarkt und viele andere Tauschveranstaltungen. Funktioniert leider auch nur selten.

Aber wenn, dann kann es ein kleines Fest sein. In einem Internet-Antiquariat hatte ich ein altes Buch eines Verwandten entdeckt. Als es mit der Post eintraf, staunten wir nicht schlecht: Es war genau das Exemplar, das mein Ururgroßvater besessen und mit unzähligen handschriftlichen Kommentaren versehen hatte. Nach genau 150 Jahren war es zum Ururenkel zurückgekehrt.

Also, damit das klar ist: Der Küstenmacher sagt nicht, dass man alles wegschmeißen soll. Aber die Sachen, die keine Chance haben, später einmal Stoff einer so schönen Geschichte zu werden, die können weg.

Werner Tiki Küstenmacher ist evangelischer Pfarrer im Ehrenamt, Karikaturist und Buchautor. Mit seiner Frau, der Autorin Marion Küstenmacher, wohnt er in Gröbenzell. Aktueller Aufenthaltsort ihrer Kinder ist Island, Australien, Gröbenzell. Am Sonntag, 25. März 2018, ist Tiki wieder um 10:00 in Radio Bayern 1 in der „Evangelischen Morgenfeier“ zu hören.

 

TAGEN UND WELLNESS FÜR ALLE

TAGEN UND WELLNESS FÜR ALLE

VOM WACHTMEISTER ZUM PRÄSIDENTEN

VOM WACHTMEISTER ZUM PRÄSIDENTEN