SCHULE UND BÜHNE

SCHULE UND BÜHNE

TEIL 2

Schon in den 50er-Jahren hatte in Fursty wieder die Ausbildung von Flugschülern begonnen. Über 1000 Piloten aus NATO-Staaten und Drittwelt-Ländern lernten hier das Fliegen, ab 1956 auch wieder Angehörige der neuen Bundesluftwaffe. Im Dezember 1957 wurde der Fliegerhorst in deutsche Hände übergeben.

Schlagartig und weltweit bekannt  wurde der Flugplatz im Sommer 1972, während der Olympischen Spiele in München. Den palästinensischen Terroristen, die die israelische Mannschaft als Geiseln genommen hatten, wurde vorgegaukelt, sie würden von Fursty aus ausgeflogen. Die vor dem Tower versuchte Geiselbefreiung scheiterte dramatisch, alle elf Israelis, drei Mitglieder des Kommandos und ein deutscher Polizist kamen ums Leben.

Von dieser Katastrophe abgesehen konnte sich der Fliegerhorst aber jahrzehntelang in Ruhe weiter entwickeln. 1977 wurde die Offiziersschule der Luftwaffe hierhin verlegt, 1978 ein Jagdbomber-Geschwader. Im Rückblick mag erstaunen, wie akzeptiert die Bundeswehr trotz des gelegentlichen Höllenlärms in der Bevölkerung war. Bei einem „Flugtag“ 1961 sollen 500 000 Besucher gekommen sein. Und bis zuletzt standen – heute unvorstellbar – am Zaun in Gernlinden Schaulustige, über die einfliegende Phantoms und Tornados in geringer Höhe hinwegdonnerten. Aber die Militärs waren schon seit den 1930er-Jahren eben auch ein großer Arbeitgeber für Zivilbeschäftigte, viele Aufträge gingen an örtliche Handwerksfirmen. Auch das, was die Soldaten in ihrer Freizeit in der Stadt ausgaben, die Kaufkraft, war ein gewichtiger Wirtschaftsfaktor.

Kein Durchkommen an Tor 6

Nach dem Ende des Kalten Krieges begann mit einiger Verzögerung der langsame Rückzug der Luftwaffe. 2006 wurde der Flugbetrieb eingestellt, die Ausbildung fand jetzt in Übersee statt, der Flugplatz war entbehrlich geworden. Die Bundeswehr gab den nördlichen, auf Maisacher Flur gelegenen Teil des Geländes zur anderweitigen Nutzung frei. Dort sollte nach dem Willen der Staatsregierung die zivile Luftfahrt unterkommen, für die auf dem Erdinger Airport kein Platz war: Hobbyflieger und Geschäftsleute mit eigenen kleineren (Propeller)Maschinen. In Maisach gründete sich eine „Bürgerinitiative gegen Fluglärm“, die zu den mitgliederstärksten ihrer Art in Deutschland wurde. Bei einer Menschenkette in Olching demonstrierten Tausende gegen die „Spaßpiloten“. Aber erst die Schlitzohrigkeit der Gemeinde verhinderte, dass die Hobbyflieger dauerhaft landen konnten:

 Tower, Hangar, Lande- und Startbahnen: alles da. An seine Nutzung als Flugplatz erinnert neben solchen Bauten auch das ehemalige Kampfflugzeug.

Tower, Hangar, Lande- und Startbahnen: alles da. An seine Nutzung als Flugplatz erinnert neben solchen Bauten auch das ehemalige Kampfflugzeug.

 

Die Bundeswehr, die das Vorhaben nicht gerade mit Feuereifer unterstützte, ließ nur eine Zufahrt auf das Gelände über das ominöse „Tor 6“ am Maisacher Sportplatz zu. Die Straße dorthin war allerdings zum Geh- und Radweg erklärt worden, was von mehreren Gerichtsinstanzen bestätigt wurde. Die Privatflieger stellten zwar einen Container als Tower hin und empfingen auswärtige Piloten, die auf Fursty für einen Automaten-Kaffee landeten, mussten jedoch im Prinzip zu Fuß (oder mit dem Radl) zu ihren dort geparkten Maschinen kommen. Aber erst als die Gemeinde einen weiteren Coup landete und mit BMW ein bayerisches Vorzeige-Unternehmen zur Ansiedlung bewog, gab auch der Freistaat nach und strich den zivilen Verkehrslandeplatz in Bruck aus dem Landesentwicklungsplan. Die Flieger beschwerten sich zwar noch, dass München die einzige Millionenstadt ohne Privatflugplatz sei, mussten aber schließlich aufgeben.

 

Noch einige Jahre bleiben durften dagegen die weniger umstrittenen Hobbypiloten der Bundeswehr-Sportfliegergemeinschaft, einer Vereinigung von Aktiven und Ehemaligen, die gern über Bruck und Umgebung eine Runde drehten. Dass sie damit warben, in trockenen Sommermonaten auch als „Brandbeobachter“ hilfreich zu sein, half ihnen am Ende aber auch nicht vor der Einstellung des Flugbetriebs. Buschfeuer und Waldbrände, die zunächst nur aus der Luft zu erkennen wären, gab es zu selten.

 

 Vor noch gar nicht allzu langer Zeit donnerten die Maschinen über die Köpfe der Landkreisbewohner. Jetzt ruhen die Militärflugzeuge in Frieden auf den Wiesen.

Vor noch gar nicht allzu langer Zeit donnerten die Maschinen über die Köpfe der Landkreisbewohner. Jetzt ruhen die Militärflugzeuge in Frieden auf den Wiesen.

Die Gemeinde Maisach übrigens hatte nur begrenzt Glück mit ihrer Nachnutzungsplanung für ein Gelände, das ihr in den Schoß gefallen war. Denn zu einer Zeit, als die Bundeswehr noch für immer zu bleiben schien, hatte die bayerische Staatsregierung den Flugplatz als Flora-Fauna-Habitat nach Brüssel gemeldet, um nicht andere, vermeintlich nutzbarere Flächen als solche Naturschutzgebiete ausweisen zu müssen. Tatsächlich hatten sich auf dem ebenfalls selten gewordenen Magerrasen trotz Kerosin und Lärm unter anderen rare Orchideen- und Schmetterlingsarten angesiedelt. Der strenge Artenschutz verhindert bis heute, dass BMW sein Fahrsicherheitstraining ausweiten kann. Ein zweites Vorhaben, ein Trabrennstadion, ist aufgrund interner Querelen bei den Pferdesportlern bisher nicht vom Fleck gekommen. Immerhin darf Maisach auf der alten Nord-Startbahn eine Ortsumfahrung bauen.

 

Asylbewerber im Denkmal

 

Im April 2011 gab der Standortälteste „Daten und Fakten“ zum Rest-Fliegerhorst bekannt, an denen sich bis heute nichts Wesentliches geändert hat. Auf den verbliebenen 220 Hektar Fläche waren zehn Bundeswehr-Dienststellen, darunter noch das Kommando der 1. Luftwaffendivision sowie die Offiziersschule und das Flugmedizinische Institut der Luftwaffe untergebracht. Auch Einrichtungen wie das Kraftfahrausbildungszentrum oder die Bundeswehr Bekleidungsgesellschaft hatten dort ihren Sitz. Rund 800 Soldaten und 700 Zivilbeschäftigten bot der Standort einen Arbeitsplatz, dazu kamen jährlich über 2000 Lehrgangsteilnehmer. Auf dem Gelände standen 217 Einzelgebäude, die teilweise an Firmen, Privatpersonen und Vereine vermietet waren. Die Betriebskosten lagen bei jährlich 29 Millionen Euro, die Kaufkraft schätzten die Militärs auf 35 Millionen im Jahr. Diese Datensammlung für die Öffentlichkeit war so etwas wie ein erster, früher Nachruf, denn kurz zuvor hatte eine Nachricht wie eine Bombe eingeschlagen: Das Verteidigungsministerium wird den Standort Fürstenfeldbruck aufgeben. Die Offiziersschule soll in einen Neubau im fränkischen Roth verlegt werden, andere Dienststellen werden quer übers Land verteilt. Nach derzeitiger Planung ziehen die letzten Militärs im Jahr 2023 ab.

 

Nun ist  Fürstenfeldbruck am Zug, das einen komplett neuen Stadtteil hinzugewinnt. Es gibt viele Ideen für die künftige Verwendung des Geländes, vor allem Wohnungsbau und Gewerbeansiedlung, auch ein Hochschul-Campus. Doch neben diesen vielen Möglichkeiten auch viele Abers. Die Nachbarkommunen wollen mitreden, allen voran Maisach, das bei einer Wohnnutzung Einschränkungen für die Schleuderschule von BMW befürchtet. Und was passiert mit dem Luftwaffen-Ehrenmal vor den Toren der Kaserne? Können die Phantom und der Tornado, die als Museumsflugzeuge auf Sockeln stehen, in einer neuen Siedlung bleiben? Wie könnte eine Gedenkstätte an das Olympia-Attentat aussehen? Bräuchte es nicht auch einen Erinnerungsort für den ganzen Fliegerhorst?

 

Seit zwei Jahren leben Flüchtlinge in einem abgetrennten Teil des Geländes, das als Erstaufnahme-Außenstelle fungiert. In Bruck wächst die Sorge, dass sich die Regierung von Oberbayern als Betreiber hier über die Bundeswehr-Zeit hinaus einnisten will. Außerdem: Die Stadt hat zwar die Planungshoheit, Grund und Immobilien gehören aber dem Bund, der das Gelände sicher nicht aus Kulanz gegenüber einer finanziell nicht auf Rosen gebetteten Kommune zum Schleuderpreis hergibt.

 

Und schließlich: Schon jetzt stehen wesentliche Teile der alten Luftkriegsschule – Kommandantur, Hörsaal-Trakt, Kilometerbau – unter Denkmalschutz. Weitere Gebäude aus jüngerer Zeit könnten noch folgen: die Kapelle der Amerikaner, der als „Blaues Palais“  bekannt gewordene Neubau der Offiziersschule aus den 1970er-Jahren und aus derselben Zeit und ebenso schon historisch das Heizkraftwerk. Vielleicht sogar ein kleines Gebäude, das wahrscheinlich schon vor 75 Jahren seinen ursprünglichen Zweck verloren hatte: Die Schäferei für die Herde, die das Gras auf den Rollbahnen kurz hielt.    Christoph Bergmann

 

 

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