Dem Himmel so nah

Dem Himmel so nah

18 Minuten. Die im Flug vergehen. 18 herrliche Minuten im Himmel, unter den Wolken und über dem Brucker Land. Wiesen ziehen vorbei, Wälder und Orte, aus denen wie Dornen verloren Kirchtürme herausstechen. Hoch steht die Sonne und macht Hügel und Täler platt. Wie ein Geschenkband kräuselt sich hellgrün die Amper durch die Felder und schon kurz nach dem Start leuchtet der Ammersee unter den Füßen, während am Horizont der Schönwetterdunst die Alpen verschleiert. Wie Faustschläge treffen Windböen den Corpus der Cessna, die mit den Luftlöchern spielt und uns wie auf einem wilden Pferd reiten lässt – nur mit Mühe kann der Fotograf seine schwere Kamera still halten. Max Walch hat den Steuerknüppel gelassen in der Hand. Der erfahrene Pilot und Chef des Flugplatzes Jesenwang, der auch schon als Stuntman im Flieger und vor der Kamera („Der Alte“) war, steuert sicher und entspannt, zieht Kurven über Fürstenfeldbruck und Mammendorf und setzt dann sanft wieder zur Landung an. Nur 18 Minuten nach dem Start, die ewig im Gedächtnis bleiben.

Ein Sommertag mitten in der Woche. Und ein Betrieb auf der beschaulichen Wiese und ihren Hallen, dass man staunt. Gerade hebt ein Ultraleichtflugzeug in die Luft, da landet auch schon wieder eines. Halt! Startet kurz vor Bodenkontakt durch und zieht die Nase wieder in den Himmel. Hier wird geübt. „Eine Schule aus Augsburg“, sagt Max Walch und schenkt dem Geschehen sonst weiter keine Beachtung. Wer wie er auf dem Flugplatz quasi geboren, aufgewachsen und groß geworden ist, für den ist der Betrieb in etwa so aufregend, wie für einen Großstadtpolizisten der Sonntagabend an einer Landstraße. Die Verantwortung für den reibungslosen Ablauf des Betriebes ist dennoch groß. Und wer Fragen hat, der geht sowieso am besten gleich zum Chef.

Max Walch, Baujahr 1965, hat wenig Zeit und nimmt sie sich doch, um herumzuführen durch die Hallen, an deren Decken bunte Flieger wie an einem Mobile baumeln und darunter andere bis zum nächsten Flug vor sich hindösen. Und über die flache Lande- und Startbahn, die die beiden Hallenkomplexe, in denen sich in einem auch Verwaltung, Flugschulen, Werft und öffentliches Restaurant befinden, trennt.

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Die Wiese ist frisch gemäht. Eine landwirtschaftliche Wiese, die der Vater Max Walch sen. vor bald 50 Jahren mutig und zielstrebig zu einem der bedeutendsten und meist frequentierten Landeplätzen zwischen München und Stuttgart gemacht hat. Und sogar zu einem, der in der Vergangenheit zwar nicht ganz kritiklos, aber doch wohlgelitten akzeptiert wird. Fliegen- und Wohnenlassen ist möglich, wenn jeder etwas gibt, der etwas nimmt.

Das mag auch daran liegen, dass das Unternehmen in der Hand einer Familie ist, die seit jeher in Jesenwang wohnt und deren große Kinderzahl allesamt mit Herz und Seele der Fliegerei und dem Flugplatz verfallen ist. Die Mama betrieb die Gastwirtschaft, die jetzt Tochter Brigitte führt. Die andere, Elvira, war jüngste Fluglehrerin Deutschlands und gründete 1980 einen luftfahrttechnischen Betrieb. Ihre Schwester Silvia ist Flugleiterin und auch die Brüder Harald und Dietmar Walch bringen sich als Ingenieur für Physik und Telekommunikationstechniker im Familienunternehmen ein.

Und dann ist da eben noch der älteste Sohn Max, der in die großen Fußstapfen seines Vaters (gestorben 2017) trat und jetzt selbst der „Senior“ des Unternehmens ist. Er betreibt zudem das Vercharterungs- und Rundflugunternehmen „Aircharter“ nebst Flugschule.

Max Walch, der mit 17 Jahren das Fliegen begann, ist heute noch deutlich mehr Kilometer in der Luft als im Auto. „Etwa 20-mal so viel“, sagt er lachend. Seine Frau fliegt auch und seine Kinder sowieso.  Edle Flieger stehen in der neueren Halle auf dem Rondell, auf dem sie wie auf einem Karussell kreiseln können. Glänzende Doppeldecker in allen Farben und sogar Hubschrauber. „Es ist viel Arbeit, ein Flugzeug nach dem Fliegen wieder so sauber zu bekommen“, erklärt Max Walch.

Max Walch, der mit 17 Jahren das Fliegen begann, ist heute noch deutlich mehr Kilometer in der Luft als im Auto. „Etwa 20-mal so viel“, sagt er lachend. Seine Frau fliegt auch und seine Kinder sowieso.

Edle Flieger stehen in der neueren Halle auf dem Rondell, auf dem sie wie auf einem Karussell kreiseln können. Glänzende Doppeldecker in allen Farben und sogar Hubschrauber. „Es ist viel Arbeit, ein Flugzeug nach dem Fliegen wieder so sauber zu bekommen“, erklärt Max Walch.

In den 80er-Jahren war der Flugbetrieb am höchsten. Über 40 000 Starts und Landungen wurden damals gezählt. Heute sind es rund 35 000. Selbstfliegen war „hip“, die Bandbreite im Luftsport war größer, erzählt Max Walch. Jetzt überflügeln Ultraleichtfliegerlizenzen die der Privatpiloten. Die kleinen Maschinen sind im Hangar fast in der Überzahl. Rund 170 Kilogramm leicht, leiser und sowohl in der Anschaffung, als auch im Betrieb deutlich günstiger als die Cessnas. Ganz abgesehen von den Kosten für den Flugschein. Derzeit gehen rund 15 Schüler in die Schule. Zwischen vier Monaten und einem Jahr dauert die Ausbildung. Viel Theorie und noch mehr Praxis. „Oben in der Luft fliegen ist so einfach wie Radfahren“, sagt Walch, das Kunstflug-Ass, beliebter Fluglehrer und, so sagte sein Sohn Benjamin einmal, „der wahrscheinlich beste Pilot der Welt.“ Starten und landen sind der Knackpunkt.

120 Flugzeuge stehen am Platz, 15 sind für die Schulungen und Vermietungen. Die meisten sind in den Hallen, einige draußen, gut verpackt in gepolsterten Anzügen. Schutz gegen Hagel – das Blech ist ja nicht allzu dick. Und es sind nicht wenige, die nach Jesenwang fliegen, weil sie einen Termin in München und Umgebung haben, die dann in einen Mietwagen oder in ein Taxi umsteigen oder sich eines der Leihfahrräder schnappen, um sechs Kilometer zur S-Bahn in Grafrath zu fahren. „Meine Frau und ich nehmen selbst immer ein Klapprad mit ins Flugzeug“, lacht Max Walch. Mit dem Flugzeug ist ja auch Rom näher als Hamburg. Die Distanzen kürzer als auf der Straße.

Die Werft: Gerade wird wieder ein Flugzeug entkleidet und die Gedärme freigelegt. Techniker tauschen aus, was laut Vorschrift nach soundso vielen Flugstunden getauscht werden muss, einerlei, ob schon verschlissen oder nicht. „Die Wartungsabstände sind heute deutlich kürzer als früher“, erklärt Walch, und dass einmal im Jahr eine große Kontrolle ist.

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Dann dürfen wir endlich selbst Platz nehmen. Der Sitz ist weich, die Tür ein wenig widerspenstig beim Schließen. Wir müssen sie kräftig zuknallen und schnell verriegeln, bevor sie wieder aufspringen kann. Die Cessna ist eine alte Dame, Baujahr 1984, „Der Motor ist aber keine zwei Jahre alt“, beruhigt Walch, bevor er sich die Kopfhörer aufsetzt und den Motor startet. Sein Griff geht zur Checkliste – auch jetzt noch liest er sich jeden Punkt durch, nimmt Kontakt mit dem Tower auf, bittet um Starterlaubnis – „Flug bereit“, „Wind sechs von Ost“, sagt die Stimme zurück. Der Motor heult und schiebt langsam die Räder zum Beginn der Startbahn. Lustvoll brüllt er noch einmal auf. Dann löst der Pilot die Bremsen. Befreit saust die Cessna los, bis die Flügel Halt in der Luft finden, sich die Nase in den Himmel reckt und wir fliegen. Türkis leuchten Pucher Meer und Mammendorfer See zu uns hinauf, wie zum Gruß winken die Windräder. Berauschend ist der Anblick auf die Wälder und Felder und Seen und Flüsse und im Takt des Motors klopfen unsere Herzen. – 18 wundervolle Minuten lang.

Fliegen ist Arbeit, teuer und gefährlich, macht aber unglaublich viel Spaß. „Das Gefährlichste ist dabei die Fahrt zum Flugzeug“, betont Max Walch. Hinzu kommen Termindruck und Unterschätzung des Wetters: „Menschliches Versagen.“ Die Schulungen sind deshalb intensiv. Max Walch und seine Kollegen raten sogar zuweilen auch schon mal ab, wenn sich abzeichnet, dass ein Schüler nicht die nötige Sicherheit erreicht. „Wer nach einigen Stunden immer noch aufgeregt bei Starts und Landungen ist, sollte lieber aufhören.“

Ultraleichtflugzeuge können auch segeln und haben sogar einen Fallschirm, mit dem sie im Fall des Falles samt den beiden Passagieren mehr oder weniger sanft zu Boden kommen.

Flugplatz Jesenwang

1962 Initiiert von Land- und Gastwirt Max Walch sen. auf seiner Wiese und

1663 genehmigt. Im gleichen Jahr Einweihung der 1. Flugzeughalle.

1964 Zweite Flugzeughalle

1965 Asphaltierung der Landebahn (400 Meter Länge) und Inbetriebnahme (Verlängerung um 50 Meter 1971)

1969 Internationaler Großflugtag mit über 50 000 Besuchern

1972 Fertigstellung der großen Flugzeughalle mit Büro, Werkstatt und Schulungsräumen

1975 200 000 Flugbewegungen seit Gründung

1990 Gründung des Vereins Pro Luftfahrt

1998 Eine Million Flugbewegungen

2001 Einweihung des neuen Towers

2007 Bau eines neuen Hangars

2008 Bau der Tankstelle

FÜNF FRAGEN ÜBER DAS STREITEN

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SICHER, REGIONAL UND REGENERATIV

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