Musik in ihrer ganzen Fülle

Musik in ihrer ganzen Fülle

Fotos: Simon Katzer

Text: Doris Stickelbrocks

„Die Musik ist für mich ein unverzichtbares Lebensmittel“, sagt Michael Schopper. „Lieder singen, das gehört bei mir dazu, jeden Tag.“ Er setzt sich an den historischen Flügel im Wohnzimmer und entlockt ihm schöne, harmonische, klassische Klänge – spontan improvisiert: „Auch das mache ich jeden Tag. Es ist ein Fluss, der immer fließt.“ Mit seiner musikalischen Gabe fühlt sich der Künstler reich beschenkt. Eine Fülle, die er mit Freude teilt und weitergibt: „Musik ist immer ein Miteinander.“ Nach einer beachtlichen Karriere als Opern- und Konzertsänger, die ihn um die ganze Welt führte, gab er vor 15 Jahren dem kulturellen Leben in Olching einen Impuls, indem er die jährliche Barocknacht und die monatlichen Eleven-Eleven-Matineen in der Kulturwerkstatt KOM ins Leben rief.

 

“Michael Schopper ist ein Künstler mit einem bemerkenswerten Gespür für das, was echt und was falsch ist”, bescheinigte ihm ein Kritiker der Jerusalem Post.

“Michael Schopper ist ein Künstler mit einem bemerkenswerten Gespür für das, was echt und was falsch ist”, bescheinigte ihm ein Kritiker der Jerusalem Post.

Spannend findet es der Musiker, jetzt, mit 78 Jahren, sein Leben noch einmal Revue passieren zu lassen. Die Stationen, Stufen, Umbrüche zu betrachten. Für den Besuch vom GUSTL hat er nicht nur Tee und Kekse auf den großen, quadratischen Holztisch gestellt (ja, der ist groß genug, um den Mindestabstand einzuhalten), sondern auch einen Zettel mit Stichpunkten vor sich hingelegt. In der Mitte verläuft eine Säule mit ein paar Jahreszahlen. Links und rechts davon sind vor allem Namen notiert. Die Namen seiner Lehrer, Kollegen, Dirigenten, Weggefährten, die seinen Lebensweg geprägt haben.

 

„Ich bin meinen Lehrern unendlich dankbar. Heute kann ich richtig einschätzen, was sie in mich investiert haben.“ Gefordert haben sie ihn. Und schon seit Beginn seiner Sängerkarriere widmet er sich mit derselben Aufmerksamkeit seinen eigenen Gesangsschülern, reicht den „goldenen Ball“ weiter – bis heute. „Das ist für mich ein unendlicher Gewinn. Die Lehrtätigkeit hält mich jung.“

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Schon früh lernt Michael Schopper, sich überall auf der Welt schnell zu Hause zu fühlen. 1949 wandern seine Eltern nach Bolivien aus, die Kindheitsjahre im Alter von sieben bis zehn verbringt er in La Paz. Seine Mutter kehrt nach drei Jahren vorzeitig zurück und schickt den Sohn ins Internat der Regensburger Domspatzen. Dort macht er 1963 Abitur. „Der Direktor Theobald Schrems sagte beim Abschluss über mich, ich sei ja erst spät gekommen, nach der Rückkehr aus Südamerika, aber doch noch ein wundervoller Domspatz geworden. ,Wer hätt‘s gedacht, dass eine Stimme so aufblüht‘, sagte er. Und wenn ich zurückblicke und Aufnahmen höre, dann stimmt es auch, das sich die Größe der Stimme, das Kaliber, die Wandlungsfähigkeit schon früh gezeigt haben. Und der Direktor hat das erkannt. Alle anderen Lehrer haben sicher an dieser Qualität Anteil genommen und ihren Beitrag geleistet.“

 

An der Münchner Musikhochschule studiert er nicht nur Gesang, sondern gleichzeitig Kirchenmusik, hat Orgel- und Kompositionsunterricht, eine umfassende musikalische Ausbildung – „der Reichtum, aus dem ich schöpfe.“ Als Sänger gewinnt er 1968 den ARD-Musikwettbewerb, als erster Deutscher überhaupt, wird 1970 mit dem Bayerischen Staatspreis ausgezeichnet. Es folgen Konzerte und Tourneen in ganz Europa, Nord- und Südamerika, Israel und Japan mit bedeutenden Dirigenten wie Karl Richter, Gustav Kuhn und Leonard Bernstein. „Der geradlinige Weg wäre eine Opernkarriere gewesen. Doch ich habe gemerkt: Das reicht mir nicht.“

 

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Der Sänger entdeckt die Alte Musik für sich. „Das war die Wendung in meinem Leben. Alte Musik ist die jüngste und frischeste, die ich kenne. Ihre größte Kraft ist, dass sie einen jetzt anregt. Dass einen diese Stärke und Schönheit jetzt im Augenblick entzündet.“ Nikolaus Harnoncourt, Philippe Herreweghe, Ton Koopman, Rene Jacobs, Reinhard Goebel zählen zu seinen Partnern und Anregern.

Michael Schopper beginnt sein „zweites Leben“, wie er es auf seinem Notizzettel mit der Jahreszahl 1980 vermerkt hat. Er gilt heute als einer der bedeutendsten Interpreten auf dem Feld des Liedes (Schubert, Lautenlieder) und der Alten Musik. Sein reichhaltiges Repertoire ist auf Dutzenden von Schallplatten und zahlreichen Rundfunk- und Fernsehproduktionen festgehalten.

 

1986 lernt er seine Frau Uske kennen, Bildhauerin und Kunstpädagogin. „So ein großes Glück. Sie hat Ruhe in mein Leben gebracht. Die Suche ist seitdem vorbei.“ Relativ spät entschließt sich der Künstler, eine Professur anzunehmen, 1994 geht er an die Musikhochschule Frankfurt als Professor für Gesang und Historische Aufführungspraxis. In Frankfurt erfindet er die Barocknacht, als Aushängeschild der jungen Alte-Musik-Bewegung.

 

Seit 20 Jahren lebt das Ehepaar Schopper nun in Olching, im Haus, das der Musiker von seinem Vater geerbt hat. Anfang des neuen Jahrtausends suchte die damalige Olchinger Kulturreferentin Gabriele Frank nach Ideen für die Nutzung und Belebung des KOM, der gerade renovierten und installierten Kulturwerkstatt am Olchinger Mühlbach. „Ich schlug ihr vor eine Barocknacht zu veranstalten wie in Frankfurt. Sie sagte sofort: ,Das machen wir.‘“ Mit durchschnittlich 300 Besuchern wurde die Barocknacht zum jährlichen Glanzpunkt im KOM.

 

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Um das Gebäude nicht nur einmal im Jahr mit Programm, Künstlern und Publikum zu füllen, folgte die Konzertreihe Eleven-eleven etwa einmal im Monat. Vorbild war die gleichnamige Reihe, die Leonard Bernstein in Tel Aviv und London ins Leben gerufen hatte, und bei der Michael Schopper schon in den 1970er Jahren auf der Bühne stand. Die Idee: Kultur für alle in lockerer Atmosphäre. Hochrangige Künstler und exzellente Studenten spielen bei freiem Eintritt und erzählen noch etwas über die Werke. Miteinander, Begegnung, Austausch: genau Michael Schoppers Ding. Der Sänger bringt berühmte Musikerkollegen aus den Konzertsälen der Welt nach Olching. „Ich sprach sie einfach an und sie kamen. Das kann kein Agent.“

 

Der Eleven-Eleven MusikKultur e.V. wird 2005 gegründet mit Gabriele und Günther Frank als entscheidende Mitinitiatoren. 2011 übergibt Michael Schopper den Vorsitz an Ewald Zachmann, den er als „unseren Schirm und Schutz mit Weitblick, Erfahrung und persönlicher Kraft“ lobt. Seit zwei Jahren teilt er sich die künstlerische Leitung mit der Münchner Flötistin Tatiana Flickinger. Sie ist bei den Matineen schon längst Stammgast auf der Bühne, seine „künstlerische Zwillingsschwester“ und designierte Nachfolgerin. „Sie setzt mit ihrem jugendlichen Elan neue Akzente. So sind wir 15 Jahre nach der Gründung sehr gut und stark aufgestellt und auch in Corona-Zeiten hoffnungsvoll.“

 

Das 15-jährige Bestehen des Vereins sollte bei der Matinee im März groß gefeiert werden, doch wegen der Corona-Maßnahmen wurde das Konzert abgesagt, wie so viele andere. Jubiläen bedeuten ihm nichts, deshalb findet der Vereinsgründer das nicht schlimm. Dem Corona-Lockdown kann er durchaus etwas Positives abgewinnen: „Dadurch ist eine Insel des Friedens und des Ausruhens entstanden. Zuvor hat die Welt übertrieben.“

 

Michael Schopper über…

...Eleven-Eleven: „Der Titel 11 – 11 bezieht sich tatsächlich auf die Uhrzeit. Sonntagvormittag kurz nach elf ist ein günstiger Zeitpunkt: Gottesdienste sind zu Ende und das Mittagessen noch nicht auf dem Tisch.“

…die Stimme: „Sie ist der Seismograph für die Seele. Die Stimme verrät es sofort, wenn innen etwas nicht stimmt.“

die Zeit: „Ich glaube nur an die Gegenwart. Real ist nur der jetzige Augenblick. Vergangenheit und Zukunft gibt es nicht.“

… Alte Musik: „Ich glaube überhaupt nicht an alte Musik. Ich glaube, dass es nur heutige Musik gibt.“

… das Internat: „Ich hatte Heimweh nach zu Hause und Sehnsucht nach meiner Mutter. Aber dass Schüler misshandelt worden wären, davon habe ich nie etwas mitbekommen.“

… Hochmut: „Zum Glück haben mich Wegbegleiter auf den Boden zurückgeholt. Erfolg macht schon hochmütig. Das ist sicher ein Fehler, den ich in gesalzenem Maß habe. Aber ich habe auch andere Gaben.“

… frühere Berufswünsche: „Schiffsbauer wäre ich gern geworden, was auch die Bedeutung meines Nachnamens ist. Auch gerne Fotograf, denn fast bin ich mehr Augenmensch als Ohrenmensch.“

… Dichtung: „Meine Lieblingsgedichte von Eduard Mörike und Goethe sind für mich reine Musik. Der Stoff, der die Seele nährt.“

… das Aufgeben: „Ich gebe nie auf, wenn es um etwas Wichtiges geht. Zum Beispiel die Jugend meiner Stimme zu erhalten, mein wahrhaftiges Alter und Gewicht zu erarbeiten, die Freundschaft mit wichtigen Menschen zu bewahren.“

Vita

geboren 1942 in Passau

1949 – 1952 Auslandsaufenthalt mit den Eltern in La Paz, Bolivien

1953 – 1963 Internat und Musikgymnasium der Regensburger Domspatzen

1963 Abitur

anschließend Doppelstudium an der Musikhochschule München: Gesang und Kirchenmusik mit Klavier, Orgel, Dirigieren, Komposition (bei Harald Genzmer)

1968 1. Preis ARD Musikwettbewerb (als erster Deutscher)

          Felix-Mottl-Preisträger

          1. Preis Gesangswettbewerb Berlin

1970 Bayerischer Staatspreis

1970 – 1994 Lehrtätigkeit am Richard-Strauß-Konservatorium München und an der Musikhochschule Würzburg

weltweit Engagements und Konzerte

1976 Geburt von Sohn David

ab 1980 Schwerpunkt Alte Musik, Lied, Oratorium, zahlreiche Schallplatten- und Rundfunkproduktionen

1994 Professur an der Musikhochschule Frankfurt

2005 Gründung des Eleven-Eleven MusikKultur e.V. in Olching

2008 – 2017 Gründung und Leitung des Chors der Studienstiftung München

Unterrichtstätigkeit bis heute

Susanne Auzinger

Susanne Auzinger

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