Zurück in die Zukunft

Zurück in die Zukunft

Die „Alte Seele“ ist noch da. In den grob gehauenen Balken, die der Großvater in jungen Jahren eigenhändig im Wald geschlagen und eingesetzt hatte. Und auch in den originalen Ziegelsteinen im Dachstuhl. Einzeln wurden sie gelöst, gereinigt und wieder aufgemauert. Und so modern das Interieur der alten Scheune auch sein mag, ihren Charakter hat sie behalten. Innen und an den Außenwänden, die auffällig schön mit Lüftlmalereien geziert sind. Matthias Kruppa bereut trotz des riesigen Aufwandes vor zwei Jahren die Rettung der alten Scheune nicht. Im Gegenteil. „Wir sind alle froh, dass wir sie erhalten konnten“, sagt der Architekt aus Alling.

 

Mit 84 Jahren hat Adi Frasch im Zuge der Restaurierung die Lüftlmalerei auf der Fassade erneuert. Damit unterstrich er auch den Gedanken, der über dem gesamten Projekt stand. Nämlich eine sanfte Verbindung von Tradition und Moderne.

Mit 84 Jahren hat Adi Frasch im Zuge der Restaurierung die Lüftlmalerei auf der Fassade erneuert. Damit unterstrich er auch den Gedanken, der über dem gesamten Projekt stand. Nämlich eine sanfte Verbindung von Tradition und Moderne.

Es ist das Haus der Eltern seiner Frau Petra, ihrer Großeltern und vielleicht sogar noch einer weiteren Generation – so genau lässt sich das Alter des Gebäudes und der Scheune nicht datieren. Mehr als 150 Jahre ist das kleine, bäuerliche Ensemble an der Durchgangsstraße jedenfalls alt, das früher die Grenze des Ortes markierte. Dahinter verlief nur noch ein Feld- und Kiesweg Richtung Gilching. Der „Rechamacha“ – so der Hausname – wohnte wohl einst hier (bei der Sanierung findet Matthias Kruppa noch ein Werkzeug). Später ist es der Malermeister Adi Frasch. Er ist es auch, der die herrliche Lüftlmalerei wieder auffrischte und ergänzte.

 

Etwa zehn Jahre steht das Ensemble leer, unbeheizt. Der Malermeister, heute 86 Jahre und einer der wenigen Maler, die sich noch auf die Lüftlmalerei verstehen, wohnt längst in einem neuen Haus ein paar Straßen weiter. Die Scheune nutzt er noch als Werkstatt. Stroh und allerlei Gerümpel, was man vielleicht-mal-aber-nicht-jetzt brauchen kann, stapelt sich unter dem maroden Dach.

 

Matthias und Petra Kruppa sind stolz auf die gelungene Sanierung und Modernisierung des alten Familienanwesens

Matthias und Petra Kruppa sind stolz auf die gelungene Sanierung und Modernisierung des alten Familienanwesens

Das Haus abzureißen kommt dennoch zu keinem Zeitpunkt in Betracht. Zu emotional ist die Familie damit verbunden. Und schließlich ist da ja der Schwiegersohn mit seinem Architektenbüro in München. Tatsächlich träumt er 20 Jahre lang von einer Renovierung des Gebäudes, um zu zeigen, „dass auch ohne Kontrast etwas Neues in Altem entstehen kann und beides miteinander harmoniert.“ Gleichzeitig „könnte dem Ort ein schönes Schmuckstück zurückgegeben werden.“

 

2016 ist es dann so weit. Zwei Jahre sollen die Umbauten jedoch andauern. Denn es ist viel Arbeit, oft eigenhändige. Die ganze Familie packt an, bis die „Revitalisierung“ des Gebäudes gelingt. Das Wohnhaus wird vermietet, in die Scheune zieht Matthias Kruppa mit seinem Architektenbüro ein. 200 Quadratmeter stehen ihm und seinem elfköpfigen Team zur Verfügung. Ein einmaliges Ambiente, das die Besucher stets staunen lässt.

 

In der bunten Säule verbirgt sich im Dachgeschoss eine Toilette. „Vorschrift der Arbeitsschutzverordnung“, sagt der Architekt und rollt ein wenig mit den Augen.

In der bunten Säule verbirgt sich im Dachgeschoss eine Toilette. „Vorschrift der Arbeitsschutzverordnung“, sagt der Architekt und rollt ein wenig mit den Augen.

Denn das Erdgeschoss, wo sich der Empfang und das Atelier befinden, behält mit seinem nur abgeschliffenen und lackierten Estrichboden seinen Werkstattcharakter.  Große Sprossentüren lassen hier viel Licht hinein und erinnern an Scheunentore. Die einem Gewinde ähnlichen Heizkörper, die sich schmal an die Wände schmiegen, stammen aus dem Industriebau. „Ich habe hier viel ausprobiert“, sagt der 57-jährige Architekt und führt über das breite, mehrstufige Podest und über die scheinbar freischwebende Holztreppe hinauf ins Obergeschoss.

 

Spätestens hier bleiben Mund und Augen weit geöffnet. Denn das Dach scheint über dem Haus zu schweben. Matthias Kruppa schmunzelt. Weil die alten Balken das Dach nicht mehr hätten tragen können,  ließ er ein neues darüber setzen. Auf einem Glasrahmen liegt es jetzt auf. Tageslicht erhellt das offene Mauerwerk des Giebels und das gesamte Dachgeschoss. „Ich arbeite gern und viel mit Licht“, erklärt Matthias Kruppa. Zusätzlich ließ er Dachfenster einbauen und schuf damit auch eine Reminiszenz an die Lüftlmalerei. „Denn sie wird ebenfalls von Licht belebt. Das ist ihre geistige Dimension.“

 

An einem Balken befindet sich noch das Rad des Heuaufzugs: Das Überbleibsel des ehemaligen Getreidesilos dreht sich noch und war „viel zu schön, um weggeworfen zu werden.“

An einem Balken befindet sich noch das Rad des Heuaufzugs: Das Überbleibsel des ehemaligen Getreidesilos dreht sich noch und war „viel zu schön, um weggeworfen zu werden.“

Matthias Kruppa nickt. Natürlich brauche so eine Sanierung mehr Zeit, mehr Geld und vor allem mehr Denken. „Aber es ist spannend und das Ergebnis ist viel schöner als ein Neubau“, sagt der Architekt, der am liebsten Lösungen findet, alte Substanzen zu erhalten, „damit der Geist des Hauses erhalten bleibt.“

Fotos: Corinna Eichberger Renneisen / Thorsten und Christian Hochreuter

Text: Petra Neumaier

 

 

 

 

 

 

 

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