Der Ikarus in Puchheim
Foto: Corinna Eichberger-Renneisen – Text: Petra Neumaier
Da steht er also, nackisch (wie der Herr ihn schuf), die Arme weit ausgebreitet und im wahrsten Sinne des Wortes „beflügelt“. Und fast scheint es, als würde er jeden Moment losfliegen und sich von seiner sechs Meter hohen Säule in die Tiefe stürzen... Seit 1994 steht die Bronzeplastik „Ikarus“ von Künstler Bernd Stöcker an der Zufahrt der FFB 11 und ist gleichzeitig der Namensgeber des angrenzenden Gewerbegebietes.
Die Frage ist nur, was ausgerechnet eine Figur aus der griechischen Mythologie in Puchheim zu suchen hat. Man erinnere sich: Ikarus war mit seinem Vater Dädalus, einem genialen Erfinder, von König Minos auf Kreta gefangen gehalten worden. Um fliehen zu können, baute der Vater Flügel aus Federn und Wachs. Vorm Losfliegen warnte er noch seinen Sohn, nicht zu nah an die Sonne zu fliegen – was der natürlich ignorierte. Das Wachs schmolz, die Flügel lösten sich auf, der Knabe stürzte ins Meer und ertrank.
Der Mythos, der von Übermut und dem Überschreiten menschlicher Grenzen handelt (und vielleicht auch davon, mal lieber auf seinen Vater zu hören), steht jedoch nicht deshalb auf der Wiese – oder nicht nur. Denn im Rücken der stattlichen, 2,10 Meter großen Figur sind die Straßen des ab 1990 bebauten Gewerbeparks Süd benannt nach berühmten Flugpionieren: Charles Lindbergh, Otto Lilienthal, Claude Dornier, Hugo Junkers und Ferdinand Graf von Zeppelin. Die haben zwar auch nicht wirklich was mit Puchheim zu tun. Stehen aber symbolisch für das bedeutungsvolle Flugfeld, das von 1910 bis 1914 Zentrum und Ort spektakulärer aviatischer Rekorde war. Start- und Landeplatz lagen zwar im Norden der Stadt, aber mit seiner Flügelspannweite von drei Metern könnte der Ikarus es ja mal versuchen, es fliegenderweise zu erreichen – aber nicht zu nah an die Sonne fliegen, gell?
Zwei weitere Denkmäler erinnern übrigens ebenfalls an das Flugfeld: Der Kugelbrunnen (1983) von Wolf Hirtreiter auf der Grünanlage Ecke Lager- / Birkenstraße, wo sich der Haupteingang befand (beim Aufstellen wurden sogar letzte Reste der einstigen Lagermauer des Kriegsgefangenengeländes abgeräumt) – sowie der Messingblech-Propeller von Hermann und Karl-Heinrich Brunotte an der Grünanlage am Sportzentrum mit Gedenkstein, der an die anschließende Nutzung des Flugfeldes als Kriegsgefangenenlager erinnert. Eine Stelengruppe weist auf die spätere Ansiedelung von Heimatvertriebenen hin.

