Die Konferenz der Bäume
Jeden Januar treffen sich die wichtigsten Baumarten Deutschlands. Die Deutsche Baumkonferenz (DBK) versteht sich als biokratisches Gegengewicht zu den populistisch agierenden Naturschützern und den bürokratischen Baumschutzbehörden. Heuer wählten sie die Gartenstadt Gröbenzell als Tagungsort.
„Wir stehen an den falschen Orten!“ Mit dieser eindringlichen Klage protestierten die Birken gegen ihre Standplätze in der Nähe von Häusern, Wegen und Straßen. Sie seinen Pionierbäume, betonten sie, und gehörten in die freie Landschaft. Dort sei ihr Abwerfen von Millionen Samen, Laub und Zweigen gut und sinnvoll. In Wohngebieten dagegen seien sie eine teure Verstopfung von Dachrinnen, Abflüssen und Allergikernasen. Wegen ihrer schweren brüchigen Äste und ihrem hohen Wuchs, warnten die Bäume mit der eleganten hellen Rinde selbstkritisch, zählten sie sich zu den gefährlichsten Pflanzen hierzulande. „Lasst uns raus aufs Land!“, war ihr Schlachtruf auf der DBK.
Ins gleiche Horn stießen die schnellwüchsigen Ahornbäume. „Bloß weil wir als abgasresistent gelten, dienen wir als Alibi für die Verfechter von Verbrennerautos.“ Am Ende stünden sie dann 30 Meter hoch neben acht Meter hohen Reihenhäusern. „Das ist keine artgerechte Haltung“, meinten die für ihre hemmungslose Vermehrung bekannten Bäume und gründeten eine Make-Ahorn-Great-Again-Bewegung: „Aber nicht in Kleingärten, sondern in Wald und Feld, wo wir aus öden Nadelbaumplantagen gesunden Mischwald machen!“
Als anwesender Journalist wunderte ich mich, wie wenig Sympathie die Bäume für Baumschutzbeauftragte zeigten. „Teure Strafen für das Fällen alter Bäume führen dazu, dass Grundstückseigentümer aus Vorsicht kaum noch neue von uns pflanzen“, meinte eine alte Tanne. „Wer uns fällt, wird bestraft. Aber wer uns an völlig unpassende Orte pflanzt, kommt davon.“ Ein Vertreter der Stadt Germering erhielt Applaus für seine Rede, warum man dort von einer Baumschutzverordnung absieht. Aus lebenswerten Gartenvierteln seien durch Sankt Bürokratius finstere Schattengegenden geworden. Die versammelten Obstbäume hielten ein glühendes Plädoyer: „Nehmt mehr von uns! Unsere neuen Varianten bleiben klein, sind Bienenweiden und bieten leckeren Selbstversorgernutzen!“
Es war sogar ein Mammutbaum aus den USA angereist, der um das Image seiner Art besorgt war. „Wir werden hier als Öko-Waffen in Vorgärten angesiedelt, um über Generationen hinweg Nachbarschaftstress zu erzeugen und Photovoltaikanlagen zu beschatten.“
Am Schluss der Konferenz verliehen die Bäume ihren diesjährigen Ehrenpreis ausgerechnet – dem Borkenkäfer. Nach dem durch ihn verursachten Fichtensterben in viel zu eng gepflanzten Nutzwäldern konnten sich die Bäume neu organisieren. Sie bildeten, etwa am Lusen im Bayerischen Wald, ohne menschliches Zutun lockere Mischwälder mit Lichtungen, in denen sich selten gewordene Tier- und Pflanzenarten ansiedeln konnten.
Werner Tiki Küstenmacher, gekeimt 1953, evangelischer Pfarrer im Ehrenamt, Karikaturist und Buchautor. Er lebt in Gröbenzell, umgeben von Birken, Tannen, Ahorn und anderen Riesenbäumen in der näheren Umgebung. Und hat gerade zwei Apfelbäume gepflanzt.

