Auf Holzschuhen zum Obstkern-Sammeln

Auf Holzschuhen zum Obstkern-Sammeln

In diesen Tagen vor 100 Jahren schien sich das Kriegsglück noch einmal zu Gunsten Deutschlands zu wenden. Nach der russischen Oktoberrevolution und dem Waffenstillstand vom 15. Dezember 1917 war der Weltkrieg, den noch niemand den ersten nannte, an der Ostfront beendet. Neue Nahrungsquellen für das ausgehungerte Volk waren in Aussicht, Truppen wurden frei für den Kampf gegen die Alliierten im Westen. Aber in der Heimat schien der Glaube an einen Sieg verkümmert, wie zeitgenössische Zeitungsberichte vermuten lassen, die Stimmung war schlecht. Im Landkreis Fürstenfeldbruck wurden in diesem Winter „fleischlose Wochen“ eingeführt und das Silbergeld eingezogen. Die Beschwerden über arbeitsunwillige und renitente Kriegsgefangene häuften sich. Die Menschen waren nach drei Jahren des Krieges müde.

Aber schon drei Jahre zuvor hatte das Brucker Wochenblatt als wichtigste Quelle aus jener Zeit nichts von der Kriegsbegeisterung berichtet, wie Filmaufnahmen von 1914 nahelegen. Am 1. August, dem Tag der Kriegserklärung an Russland, gingen viele Soldaten und Unteroffiziersschüler in der Garnisonsstadt Bruck zur Beichte. Noch nachts um halb eins fand ein Gottesdienst für das Militär statt. Die Aufregung am Ort soll groß gewesen sein: Die Angst vor Spionen ging um, auf dem Kirchturm von Fürstenfeld wurde eine Fliegerwache eingerichtet, an der Amperbrücke ein Schlagbaum aufgestellt. Alle Fahrzeuge wurden kontrolliert. Bahnanlagen und Telegraphenleitungen wurden besonders bewacht. Brieftauben mit Depeschen, die in einen fremden Schlag einflogen, mussten den Militärbehörden übergeben werden. Schon früh begann außerdem die Vorbereitung auf Verwundete: In den ersten Augusttagen wurde eine Gaststätte zum Rekonvaleszentenheim umfunktioniert, wenig später rief das Rote Kreuz „Frauen und Jungfrauen“ auf, sich für den freiwilligen Dienst zu melden. Noch im August kamen die ersten Verwundeten von der Front ins Krankenhaus und das Rot-Kreuz-Reservelazarett. Im selben Monat, lange bevor das Massensterben im Stellungskrieg begann, wurde eine erste Liste mit Gefallenen aus Bruck und seinem Bezirk veröffentlicht.

Stadtmuseum FFB (2).JPG

 

Schon bald folgte Verordnung auf Verordnung – zur Sicherstellung der Lebensmittelversorgung und der Gewinnung von Rohstoffen, die wegen der britischen Seeblockade nicht mehr ins Reich kamen. Im September verbot der Magistrat von Bruck die Schlachtung von Jungvieh, im Oktober wurde den Gastwirten auferlegt, nur mehr Roggen- statt des teuren Weißbrots zu verabreichen. Im selben Monat erschienen im Amtsblatt zum ersten Mal Bestimmungen über die Getreide-Höchstpreise. Im Januar 1915 wurden Kupfer, Messing, Nickel und Zinn beschlagnahmt, außerdem sämtliche Hafervorräte, die für die Kavallerie gebraucht wurden. Im Februar wurde die tägliche Mehlration auf 225 Gramm pro Kopf beschränkt, im selben Monat wurde der (private) Verkehr mit Personenkraftwagen untersagt. Im Sommer wurde erstmals das Bier knapp. Nicht immer wurden die Menschen gezwungen, Wertstoffe abzuliefern. Bisweilen wurde auch nur an die „vaterländische Pflicht“ zur Hilfe erinnert, als etwa Goldmünzen gesammelt werden sollten.

Volksküche für die Hungrigen

1916 sank die tägliche Mehlration auf 200 Gramm. Zucker gab es ebenso nur noch gegen Berechtigungsschein wie Fleisch und Wurst (theoretisch noch 250 Gramm pro Woche, aber auch die gab es schon nicht mehr ständig). Der Bevölkerung wurde empfohlen, Kaninchen zu halten, die Herstellung von Starkbier wurde verboten. Wenngleich die Versorgungslage auf dem Land noch besser war, wurde Anfang 1917 eine „Volksküche“ eingerichtet, um besonders Bedürftige zu verpflegen. Der Schwarzhandel, damals noch „Schleichhandel“ genannt, begann zu blühen, Münchner kamen jetzt in größerer Zahl nach Bruck, um sich mit Lebensmitteln einzudecken.

Im Laufe des Jahres wurde Kleingeld rar, Briefmarken dienten als Zahlungsmittel. Zeitungspapier wurde knapp, beschlagnahmt wurden ab dem Herbst Wolle und Pelze, außerdem private Haushaltsgegenstände aus Metall. Angesichts des Ledermangels wurde empfohlen, Stroh- oder Holzschuhe zu tragen. Erstaunlich, dass es immer noch auswärtige Gäste in der alten Sommerfrische und Badestadt Bruck gab: Pensionen und Gasthäuser mussten im Sommer 1917 ihre Bett- und Tischwäsche abliefern.

Ein einziges Mal scheint in den Kriegsjahren Volksfeststimmung geherrscht zu haben. Zur drei Tage dauernden Jahrhundertfeier Fürstenfelds als Hofkirche kam Bayerns König Ludwig III. am 15. August 1916 in die Marktgemeinde, dorthin also, wo er 50 Jahre zuvor als junger Mann in einem Infanterieregiment gedient und wenige Tage vor Kriegsbeginn noch die erste Brucker Kunstausstellung besucht hatte. Auf dem Weg vom Bahnhof soll Seine Majestät von einer „unüberschaubaren Volksmenge ehrfurchtsvoll begrüßt“ worden sein. Von einem „unvergleichlichen, herrlichen Feiertag“ schrieb ein Chronist. Andere Feste waren selten, allerdings gab es den ganzen Krieg über Wohltätigkeitsveranstaltungen aller Art, darunter die Konzerte einer örtlichen Kapelle für Einwohner und Lazarett-Insassen.

 

Das letzte Kriegsjahr 1918 sah die Einziehung des Silbergeldes und sogar der 25-Pfennig-Münzen aus Nickel vor. Die Bevölkerung sollte nun auch Obstkerne, Bucheckern oder Nesseln zur Selbstversorgung sammeln, Segeltuch wurde konfisziert. Wegen der Papiernot wurden Zeitungen ganz eingestellt oder nur noch in kleinem Druck produziert. Aber wegen der noch größeren Knappheit an sämtlichen Textilstoffen wurden Hinterbliebene aufgefordert, ihren Verstorbenen Totenhemden aus einem Papiergebinde anzulegen. Die Lebensmittel wurden immer teurer, die amtlichen Höchstpreise ständig heraufgesetzt. Die Diebe auf den Feldern wurden zur Landplage. Zuletzt standen jedem Versorgungsberechtigten noch täglich 160 Gramm Mehl und wöchentlich 65 Gramm Fett, etwa drei Esslöffel Butter, zu.

 

In Berlin, wo Anfang Oktober erstmals eine Regierung mit parlamentarischer Mehrheit gebildet wurde, war man sich des nahenden militärischen Zusammenbruchs bewusst. Der Reichstagsabgeordnete Erich Emminger von der katholischen Zentrumspartei, zu dessen Wahlkreis Weilheim auch Bruck gehörte, sprach dagegen bei einer Versammlung in Bruck Mitte des Monats noch davon, dass zwar der Eroberungskrieg gescheitert, der „Verteidigungskrieg“ aber noch nicht verloren sei. Die Zuhörer gingen mit dem Eindruck auseinander, dass „ein schlimmes Ende“ bevorstehe, notierte ein Chronist. Wenig später begannen die Waffenstillstandsverhandlungen und die Revolution, die Königs- und Fürstenhäuser hinwegfegte. In der bayerischen Provinz dagegen hatte man es nicht so mit dem Umstürzen. Zwar bildete sich auch in Bruck ein „Soldatenrat“, der in den ersten Tagen der Wirren tatsächlich die Befehle gab. Schon bald aber gründete sich auch ein „Bürgerrat“. Am 26. Januar erlebte die festlich geschmückte Marktgemeinde eine „würdige und erhebende Kriegerbegrüßungsfeier“, wie sich ein Zeitgenosse freute. An die 400 Kriegsteilnehmer zogen durch den Ort, wurden bewirtet und hörten die Ansprache des Bürgermeisters, der für den „opferfreudigen Einsatz im Felde“ dankte. Von den Kriegern, die losgezogen waren, konnten nicht mehr alle in der Heimat begrüßt werden. 135 Brucker starben den sogenannten „Heldentod“, 26 kamen in Gefangenschaft um, neun blieben vermisst.

  Christoph Bergmann

DIE WORTKÜNSTLERIN

DIE WORTKÜNSTLERIN

SCHÖNE AUSSICHTEN

SCHÖNE AUSSICHTEN