Einsatz für Genuss und Kultur

Einsatz für Genuss und Kultur

Wenn Richard Bartels mit seiner schwarzen Ape, dem italienischen Minitransporter mit dem Zweiradmotor, unterwegs ist, wie zu den Gesundheitstagen im Veranstaltungsforum Fürstenfeld oder zu regelmäßigen Terminen wie dem Bauernmarkt, dann hat sein Anblick hohen Wiedererkennungswert. Nicht umsonst nutzt der Tiermediziner in Rente das ungewöhnliche Fahrzeug zu Werbezwecken: Nicht mehr nur für die Organisation Slow Food im Fünfseenland, dessen Vorsitzender er ist und die sich dem guten, und politisch wie ökologisch korrekten Essen verschrieben hat. Sondern auch für das schöne alte Brucker Kino. Denn Bartels ist auch Vorsitzender des Vereins IG Lichtspielhaus.

 

Ein Montagspätnachmittag im April: Richard Bartels steht vor der Eingangstüre des rund hundert Jahre alten Kinos in Fürstenfeldbruck. Sein roter Pullover passt farblich perfekt zu dem Schriftzug über ihm. An ihm vorbei zieht ein steter Strom von Zuschauern, die alle die 18-Uhr-Vorstellung sehen wollen. Das Alter des Publikums ist bunt gemischt: Mütter mit gerade erwachsen gewordenen Töchtern, Freundinnen mittleren Alters sowie einige ältere Damen. Auf dem Programm steht heute mit „Frau Mutter Tier“ offensichtlich eher ein Frauenfilm. Bartels begrüßt die meisten Besucher, manche mit einem freundlichen Kopfnicken, andere mit ein paar Sätzen. „Das ist Innenstadtbelebung“, erklärt der 66-Jährige, was er mit der Wiederaufnahme des Spielbetriebs in dem historischen Lichtspielhaus verbindet. Hier, in Fürstenfeldbrucks Zentrum, würden viele Leute zusammentreffen, einige gezielt verabredet, andere zufällig. Und die zentrale Lage ermögliche dies auch älteren Menschen, die nicht mehr für einen Kinobesuch so weit gehen möchten.

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„Man schlittert von einem ins nächste“

 

„Meine Frau ist eigentlich die Cineastin bei uns“, sagt Bartels. Und nimmt sich selbst damit ein bisschen aus dem Fokus. Er ist nicht gerade die Art von Mensch, die ständig auf die eigenen Verdienste und Fähigkeiten hinweisen muss. Ganz im Gegenteil. Im Kino stellt er jeden Mitarbeiter und seine Bedeutung für den Betrieb heraus. Derweil spielt er die eigenen Aktivitäten – Leiter des Slow Food Conviviums Fünfseenland seit 2011, Gründungsmitglied der „Tierärzte für verantwortbare Landwirtschaft e. V.“, des Urban-Gardening-Projekts „Fürstenacker“ sowie des „Ernährungsrates im Landkreis Fürstenfeldbruck“, Mitglied beim Tollwood-Bündnis „artgerechtes München“, beim Bund Naturschutz und noch ein paar anderen Initiativen und Organisationen – gerne herab. „Man schlittert von einem ins nächste rein und vieles hängt miteinander zusammen“, erwidert er etwa, wenn man ihn danach fragt, wie er all die Aufgaben und Funktionen unter einen Hut bringt.

 

Weiße Gänse und schwarze Buben

 

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Dass sich Richard Bartels heute so sehr für qualitativ hochwertige Lebensmittel, artgerechte Tierhaltung und Regionalität einsetzt und gegen Massentierhaltung und Nahrungsmittelverschwendung kämpft, ist eigentlich nur die logische Konsequenz seines bisherigen Lebens. Die ersten elf Jahre wächst er auf einem kleinen Bauernhof in Marzling (Kreis Freising) mit 14 Kühen, zehn Schweinen und ein paar Hühnern und Gänsen auf. Seine Augen leuchten, wenn er erzählt, wie er mit seiner Oma alle paar Wochen zum Eierverkaufen nach München auf den Viktualienmarkt gefahren ist. 1964 zieht er mit seiner Familie nach Fürstenfeldbruck, besucht das Graf-Rasso-Gymnasium und studiert Tiermedizin an der LMU.

Das Thema seiner Doktorarbeit schon damals: Antibiotika-Resistenz. „Als Mikrobiologe bin ich dann in die Pharmaindustrie empfohlen worden“, erzählt Richard Bartels. Praktisch sein ganzes Berufsleben sei er für einen US-amerikanischen Pharma-Konzern tätig gewesen und habe indirekt auch viel mit Lebensmitteln, vor allem ihrer Erzeugung zu tun gehabt. „Ich kenne ziemlich genau die schwarzen Buben im Land“, sagt er über diese Zeit.

 

Ein Zeitungsartikel weckte sein Interesse an Slow Food. Das war kurz vor Beginn seiner Rente 2011. Seither, seit nunmehr acht Jahren, engagiert sich der begeisterte Hobbygärtner – Bartels züchtet unter anderem alte Tomatensorten – als Slow-Food-Vorsitzender. Im Fünfseenland hat die Vereinigung 150 Mitglieder. Im Lauf der Jahre kamen immer weitere Beschäftigungsfelder dazu, wie die vielen ehrenamtlichen Tätigkeiten zeigen. 2018 etwa war er mit im Organisationsteam für die Demonstration „Wir haben es satt!“ in Berlin gegen die Agrarindustrie, die Massentierhaltung und für eine Agrarwende.

 

2019, fast vier Jahrzehnte nach seiner Doktorarbeit, hat Bartels längst den großen Dienstwagen gegen die kleine Ape eingetauscht. Seine Frau fahre nun das größere Auto, das gefalle ihm, erklärt er lächelnd.           

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