Kochen ohne Grenzen
Jeder Handgriff sitzt. Wie ein Wiesel huscht die kleine, zierliche Liudmyla Liapunova, genannt Luda, in der Küche von Denis M. Kleinknecht von rechts nach links, von vorne nach hinten. Zaubert selbst aus gewöhnlichen Zutaten feinste Köstlichkeiten. Konzentriert, trotzdem meist entspannt und immer ihr fast schüchternes Lächeln auf den Lippen. „Luda ist ein Engel“, sagt ihr Chef, der vor vier Jahren die vor dem Krieg geflohene Ukrainerin nicht nur eingestellt, sondern der 48-Jährigen und ihren Angehörigen auch ein zweites Zuhause ermöglicht hat. Eines, das sie sich selbst verdient. „Denn geschenkt haben möchte ich nichts.“
Luda hat sich für den Termin sehr hübsch gemacht: Ihre blonden Haare sind perfekt gestylt, das schöne Gesicht ist adrett geschminkt. Blütenweiß ist die Kochweste – am rechten Ärmel ist ein blau-gelbes Herz in den ukrainischen Landesfarben aufgenäht: „Das habe ich von meiner Tochter bekommen“, sagt sie so stolz wie glücklich und bietet ein Tellerchen mit ukrainischer Schokolade an. Sehr köstlich! Ein wenig nervös ordnet sie die vier dicht per Hand geschriebenen Blätter. Auf das Interview hat sie sich vorbereitet, auch mit Hilfe ihrer Deutschlehrerin. Integration ist ihr wichtig und dazu gehört auch die Sprache zu lernen und so fehlerfrei wie möglich aus ihrem Leben zu erzählen – tief durchatmen. Dann mal los:
„Ich bin in der Region Poltawa geboren, dort lebten auch meine Großeltern. Mit meiner Familie wohnte ich mein ganzes Leben lang in Kiew – eine wunderschöne Stadt. Sehr grün und mit vielen historischen Gebäuden und Plätzen. Mein Vater war Schreiner, meine Mutter arbeitete in einem Schwimmbad in der Verwaltung.
Als Kind fuhr ich in den Ferien immer zu meiner Großmutter nach Poltawa. Sie arbeitete dort als Köchin in einer Militäreinheit für Piloten und nahm mich oft mit zur Arbeit. Ich fand es dort sehr interessant und half ihr gerne in der Küche. Die riesigen Töpfe und Pfannen und Portionen haben mich am meisten beeindruckt. Bei meiner Oma lernte ich die Lust am Kochen. Ihre Rezepte kochte ich dann zu Hause für meine Familie. Das machte mir immer viel Spaß. Schon damals wusste ich, dass ich Köchin werden möchte. Meine Eltern unterstützten mich bei meinem Wunsch sehr. Nach der Schule machte ich also die Ausbildung und studierte zusätzlich an der Universität Wirtschaft.
Meinen Mann lernte ich in einem Café kennen: Ich war dort mit einer Freundin verabredet, er mit einem Freund. Eigentlich stammte er aus Cherson, das ist im Süden der Ukraine, aber zu der Zeit arbeitete er in Kiew und war mit Renovierungsarbeiten von Wohnungen beschäftigt. Wir heirateten 2000. Mit unserer Tochter wohnten wir in unserer Eigentumswohnung in einem Hochhaus im siebten Stock. Insgesamt hat es 16 Stockwerke. Es war ein gutes Leben. Doch als meine Tochter elf Jahre alt war, starb mein Mann an Krebs und ich musste allein für unseren Lebensunterhalt sorgen.
„Seit 28 Jahren arbeite ich als Köchin. Ich liebe meinen Beruf.“
Meine eine erste Arbeitsstelle war im „Edelweiß“– das erste deutsche Restaurant in Kiew. Geführt wurde es von einem Deutschen – der Chefkoch war ein Ukrainer, der in Deutschland studiert hatte. Die Gerichte der beiden Länder sind ähnlich, aber nicht alles ist gleich. Wir essen auch viel Sauerkraut und Rote Bete, die unterschiedlichen Zubereitungen fand ich spannend. Ich begann, mich für ausländische Gerichte zu interessieren und Kochbücher zu sammeln.
Ab 2010 war ich Chefköchin für die Botschaft der Niederlande in Kiew und bekochte bei Empfängen bis zu 50 Personen mit landestypischen, niederländischen Speisen. Das war sehr schön!
Als der Krieg am 24. Februar 2022 begann, begann auch das Chaos in meinem Land und in meinem Leben. Wir gingen nicht mehr zur Arbeit und blieben zu Hause. Die Botschaft war geschlossen, wie auch die meisten anderen Geschäfte und Firmen. Viele Menschen begannen, Kiew zu verlassen, weil dort ständig Explosionen zu hören waren und um die Stadt herum viele Industrie- und Energieversorger sind, die die ersten Ziele der Angriffe waren. Alle lebten in großer Angst.
Wir blieben noch zwei Wochen in Kiew und wussten nicht, was wir machen sollten. Schließlich wollten wir nicht mehr länger im Zustand der Ungewissheit bleiben. Im Familienrat beschlossen wir, dass meine Schwester, ihr fünfjähriger Sohn und ich für einige Zeit die Ukraine verlassen sollen. Meine Eltern wollten bleiben, zogen aber aufs Land nach Poltawa, in das Haus meiner verstorbenen Großeltern. Meine 21-jährige Tochter, (Musiklehrerin – Klavier) wollte nicht mit, weil ihr Mann zunächst nicht ausreisen durfte. Erst ein Jahr später erhielt er die Erlaubnis: Weil sein Vater Aserbaidschaner ist, musste er nicht zum Militär. Die beiden leben aktuell in Polen.
Kochen ist ihr Leben und auch darum ist Liudmyla Liapunova dankbar, dass sie ihre Leidenschaft im Gasthaus Heinzinger in Rottbach bei Denis M. Kleinknecht ausüben darf. Beide profitieren dabei voneinander: „Luda hat viele Ideen, die ich auf hohes Niveau transformiere, ohne die Ursprünglichkeit zu zerstören“, erzählt der Gourmet-Koch, für den die Ukrainerin auch insgesamt ein „wichtiger Baustein“ ist, weil sie ihm extrem den Rücken freihält. „Und ich habe von Denis viel gelernt und wertvolle Erfahrungen und Fertigkeiten gesammelt,“ wertschätzt die Ukrainerin.
„Im Koffer war nur warme Kleidung.“
Es war ja kalt und wir dachten, dass wir nicht lange weg sein würden Wir fuhren mit dem Auto meiner Schwester und nahmen nur die nötigsten Dinge und Medikamente mit. Eine Freundin meiner Schwester ist Ukrainerin, lebt aber seit über zehn Jahren in Deutschland. Sie hat im Voraus eine Unterkunft in Germering organisiert.
An der Grenze zu Polen standen sehr viele Autos, alle schienen die Ukraine verlassen zu wollen. Angst hatten wir keine, die polnischen Beamten waren sehr freundlich und verständnisvoll gegenüber den Ukrainern. Am Grenzübergang nach Polen war in einer Sporthalle sogar ein Lager für uns eingerichtet worden. Dort verbrachten wir die Nacht und fuhren erst am nächsten Tag weiter nach Krakau. Hier wohnte ein Freund von mir. Wir haben uns zwei Tage in Krakau ausgeruht und sind dann nach Germering weitergereist. Die Stadt empfing uns mit sonnigem Wetter – es war ruhig und friedlich hier, aber unsere Gedanken waren bei unseren Verwandten, die in der Ukraine geblieben waren.
Vier Monate lang warteten wir vergeblich, dass der Krieg zu Ende ist und wir wieder nach Hause können. Als mir klar wurde, dass daraus erst einmal nichts wird, beschloss ich, mir eine Arbeit zu suchen – die Unterstützung für uns Flüchtlinge fand ich sehr freundlich, aber ich wollte niemandem zur Last fallen. Keinem Mitmenschen und keinem Staat. Schließlich habe ich zwei Hände und bin gesund.
Also postete ich auf der Germeringer Facebook-Seite eine Anzeige:
„Hallo, ich bin Luda und gelernte Köchin, liebe meinen Beruf und suche Arbeit.“
Ein Gast von Denis schrieb mir, dass er immer wieder Leute sucht, ich schaute ich seine Webseite an und …
Denis: „Zu der Zeit suchte ich niemanden, war aber doch neugierig. Ihr Post auf Facebook war aber schon weg, als ich den Tipp bekam – gleichzeitig lag in meinem Postfach ihre Bewerbung. Sie wollte wohl nur zu mir. Das hat mir sehr imponiert. Am meisten beeindruckt war ich davon, dass sie selbst ihren Lebensunterhalt verdienen wollte.“
Erst einmal arbeitete ich auf Probe – ich konnte kein Deutsch, aber auf Englisch haben wir uns ganz gut verständigt – wenn es sein musste, denn ich wollte nicht nur kochen, ich wollte auch so schnell wie möglich Deutsch lernen. Die Übersetzungsapp brauchen wir bis heute kaum.
Denis: „Kochen verbindet und braucht keine Sprache. Die Gastronomie ist ein Integrationsmotor – Der Esstisch und die Ernährung verbinden Menschen.“
Für mich ist Kochen die kulinarische Kunst, ein qualitativ hochwertiges Gericht zuzubereiten. Die Gäste sollen sowohl geschmacklichen als auch ästhetischen Genuss erleben. Als Köchin ist es mir wichtig, dass die Gäste immer wieder gerne ins Restaurant kommen.
Denis: „Wir haben uns sofort gut verstanden!“
Denis hat sogar gleich die Wohnung über dem Lokal für uns hergerichtet: drei Zimmer, demnächst wird ein viertes für meinen neunjährigen Neffen abgetrennt. Meine Schwester arbeitet auch zwei bis dreimal in der Woche im Lokal.
Vor zwei Jahren starb mein Vater an Krebs – er wurde 69 Jahre alt. Seitdem wohnt auch unsere Mutter in Rottbach.
Im Juli werden es vier Jahre, seit ich hier arbeite. Ich bin glücklich – es ist mein zweites Zuhause und Denis und Nicole sind meine Familie. Ab und zu koche ich auch für die Gäste ukrainisch – einen Gang oder ein Menü – die gefüllten Teigtaschen zum Beispiel. Denis liebt mein Kiewer Kotelett und die Pelmeni, ich liebe seine Ente und das Almschnitzel.
Einmal im Jahr fahre ich nach Kiew, mit dem Bus, 30 Stunden bin ich dann unterwegs, weil allein die Kontrollen am Grenzübertritt zur Ukraine sehr lange dauern. Meine Gefühle sind immer sehr gemischt. Die Leute hier verstehen nicht, warum ich zurück in das Kriegsgebiet fahre und meinen „Urlaub“ dort verbringe. Aber es ist immer noch meine Heimat und ich habe dort viel zu erledigen. Ich wohne dann in meiner Wohnung, die zum Glück beim letzten Besuch noch unbeschädigt war. Und ich besuche meine Freundinnen und die Nachbarin. Es ist sehr schön, sie wiederzusehen, aber schlafen kann ich hier nie richtig – das traut man sich nicht. Wenn ich dann wieder fahre, weiß ich nie, ob ich alle und alles wiedersehen werde.
Zuletzt war ich im vergangenen Herbst zu Hause. Meine Schwester war im Januar in Kiew – es war furchtbar, die Kälte und keine Heizung, und ständig Luftalarm. Meine Freundinnen erzählen auch, dass sie immer mehr Angst haben, aber nicht weg möchten, weil sie ihre Familie und ihre Männer nicht im Stich lassen wollen. Besonders schlimm ist die Lage für Kinder. Ständig müssen sie in den Keller. Tag und Nacht. Schrecklich!
Liudmyla Liapunova liebt Kochbücher und verreist sehr gerne. „Das geht von Deutschland aus viel einfacher, weil ich für die europäischen Länder kein Visum mehr brauche. Ich schaue mir aber auch gerne die Städte in der Umgebung an“, erzählt sie begeistert.
„Auch Deutschland und vielen deutschen Leuten bin ich dankbar, die Ukrainer unterstützen. Ich habe hier noch keine schlechten, sondern immer nur nette Leute getroffen.“
„Ich bin froh, hier zu sein.“
Zuerst dachte ich, dass der Krieg bald endet und wir nach Hause zurückfahren können. Aber jetzt erwarte ich nichts mehr und lebe mein Leben im Hier und Jetzt. „Mein größter Wunsch ist, dass der Krieg in meiner Heimat endet!“
Ich weiß nicht, was die Zukunft mir bereitet. Aber ich möchte glücklich sein. Hier ist alles wunderschön, in Kiew ist fast alles kaputt. Trotzdem kann ich nicht zu 100 Prozent sagen, dass ich nach dem Krieg in Deutschland bleiben werden. Die Zeit wird das zeigen.

