Der Tausendsassa

Der Tausendsassa

Text: Petra Neumaier - Fotos: Simon Katzer, privat

Taufig Khalil ist einer von den Schnellen: Sowohl, was das Ergreifen von Chancen und die Erledigung von Projekten, Aufträgen, Jobs betrifft, als auch sprachlich: Seine Worte sprudeln nur so aus dem Mund und setzen sich dann zu Ereignissen zusammen über Länder, Menschen und Abenteuer. Der (Sport)Journalist, Moderator, Kommentator, Sprecher, Podcaster, Rhetoriktrainer und Buchautor liebt es, Geschichten über Menschen zu erzählen – durchaus aber auch seine eigene. Eine, die nach eineinhalb Stunden bereits 20 DIN-A4-Seiten füllt, obwohl sicherlich längst noch nicht alles gesagt ist. Denn in seinen 59 Jahren hat der Hattenhofener keine Gelegenheit ausgelassen, ein aufregendes und bereicherndes Leben zu leben.

Nur mal eben ins Stadion gehen und daherreden – so einfach ist die Arbeit eines Sportkommentators nicht. „Für ein Bundesligaspiel musst du dich jeden Tag auf dem Laufenden halten“, sagt Taufig Khalil, der bei den Liveübertragungen sein ganz eigenes System hat: Auf eine Spielfeldskizze klebt er die Namen und Daten der Spieler auf Post-its – so kann er leicht Spieler auswechseln und hat die Infos sofort parat.

Mal im Anzug, mal im T-Shirt und in Lederhose: Taufig Khalil kann sich verwandeln wie ein Chamäleon – je nach Anlass – und das nicht nur äußerlich. Hier FC-Bayern-Reporter, dort Kommentator bei sportlichen Großereignissen aller Art und im nächsten Moment auf Reportage in Afrika. Oder auf der Bühne als Moderator oder Trainer. Entsprechend viel ist er unterwegs. Darum grenzt es fast an ein Wunder, ihn dennoch völlig entspannt zu Hause in Hattenhofen anzutreffen: seinem Ruhepol im ländlichen Idyll und auf Tuchfühlung mit der Natur, in der er auftanken kann, um dann wieder zu neuen Taten aufzubrechen.

Auf jede Frage folgt eine lange Geschichte, die durch Zeit und Raum führt, irgendwann am Ende aber wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrt. Darum muss man auch gar nicht viel fragen. „Was gibt es denn Schöneres als Erinnerungen? Die positiven erzählst du mit so einem Flackern, und die anderen sind halt spektakulär“, wird er später leichthin sagen, um sofort wieder aus seinem Sammelsurium eine Begebenheit nach der anderen hervorzuziehen wie ein Zauberer aus einer magischen Kiste.

„Ich koche für mein Leben gerne“, sagt Taufig Khalil, der natürlich während der Zubereitung nicht auf das Schauen von Sportsendungen verzichtet. Die Zutaten seiner Gerichte kauft er am liebsten bei Landwirten und Metzgereien vor Ort oder auf dem Markt in Mammendorf. Seine Paradedisziplin: Paella – gemeinsam zubereitet mit der Familie.

Nichtstun ist eine seltene, von Taufig Khalil kaum praktizierte Disziplin. Gerne trinkt er aber auch mal seinen Kaffee auf der Terrasse oder besucht einen Biergarten. Ansonsten ist er mit dem Fahrrad in der näheren und weiteren Umgebung unterwegs oder auf dem Golfplatz in Rottbach zu finden.

Als Sohn eines halb libanesischen, halb jordanischen Vaters (Arzt) und einer Fränkin (MTA) in Oberfranken geboren, zieht die junge Familie mehrfach um und landet schließlich in einem kleinen Ort nahe der holländischen Grenze. Hier eröffnet der Vater seine eigene Praxis, und hier wird dem Jungen schon früh klar: „Eines schönen Tages will ich so weit wie möglich entfernt leben.“ Zumal die ersten Fernsehübertragungen der Olympischen Spiele 1972 in München die Sehnsucht nach der bayerischen Landeshauptstadt wecken.

Während der Schulzeit verbringt der „eher Klassenclown als zurückhaltende Junge“ auch drei unglückliche Jahre in einem Internat. Einzige Höhepunkte dieser Zeit sind das alle zwei Samstage stattfindende Fußballspielen mit den Mitschülern und das heimliche Unter-der-Bettdecke-Lauschen der Fußballübertragungen aus einem kleinen Radio mit Ohrstöpseln.

Bereits früh beginnt er, bei Schulveranstaltungen zu moderieren, spielt auch mal die Hauptrolle in Theateraufführungen. Die darstellenden Künste liegen ihm nahe – „jedenfalls näher als die mathematische Laufbahn“. Sein Interesse gilt zudem dem Besuch von Sportveranstaltungen mit dem Presseausweis der Schülerzeitung. Trotzdem kommt ihm der Beruf des Journalisten nicht in den Sinn. Verliebt in die am weitesten vom Heimatort entfernte deutsche Stadt Konstanz, beginnt Taufig Khalil zunächst ein VWL-Studium („das hat mich aber schnell mathematisch überfordert“) und anschließend ein Jurastudium.

An der Wand im Büro baumeln unzählige bunte Bänder mit seinem Namen. Akkreditierungen diverser Veranstaltungen. Gezählt hat er sie wirklich noch nicht. Dabei sind es nur die, mit denen er besondere Erlebnisse verbindet: Siege, aber auch Niederlagen legendärer Spiele,

Und hier startet schon bald eine wahre „Selbstläufer-Karriere“: Taufig Khalil, den das Gewöhnliche langweilt und das Ungewöhnliche anzieht, gründet zwei American-Football-Mannschaften. Mit den „Konstanz 89ers“ will er „raus in die weite Welt“, organisiert und kreiert nach amerikanischen Vorbildern professionell Werbung und Werbemittel – und mietet für das erste Spiel gleich das Bodenseestadion. Groß denken und umsetzen ist sein Motto, Angst zu scheitern ist ihm bis heute fremd.

So kommt eins zum anderen: Er gibt Interviews, schreibt Artikel, wird Moderator beim Seefunk Radio Bodensee, bis ihm das Schallplattenauflegen und Wetterberichtevorlesen zu langweilig wird. Und er beschließt:

„Ich will Geschichten erzählen.“

Geschäftstüchtig verkauft er diese an mehrere Sender in Deutschland und wird sogar Hauptansprechpartner für die Region Bodensee und Ostschweiz. Das Studium gerät ins Hintertreffen – bis zum ersten Staatsexamen ist er zwar noch theoretisch dabei, praktisch legt er es aber nicht ab.

SWF. SWR. ARD: Antenne Bayern holt ihn schließlich an seinen Sehnsuchtsort München. 1996 war das, zwei Jahre später ist er bei Bayern 3. Über eine Kollegin lernt er dort seine Frau kennen, seine „Liebe fürs Leben“, wie er sie noch immer verliebt nennt. Mit Sandra wird der Journalist ab 2008 in ihrem Heimatort Hattenhofen mit den beiden Kindern leben.

Weil er „anders als andere Journalisten ist und hintergründige Fragen stellt“, bat ihn als erste Skirennläuferin Hilde Gerg, ob Taufig Khalil nicht über sie ein Buch schreiben wolle. Das wollte er natürlich und es folgten weitere Bestseller.  

Zunächst aber kommt die steile Karriere. Denn Taufig Khalil wird beim BR eine Art „Rising Star“: vom Champions-League-Finale zur BR-Badetour mit bis zu 15 000 Zuschauern, vom Stadionsprecher beim 1. FC Nürnberg zu kritischen Hintergrundreportagen. Von unerschöpflicher Neugier getrieben, berichtet er unter anderem vor, während und nach der WM in Südafrika, lässt die Dorfältesten der kanadischen Ureinwohner im Tipi erzählen, auf deren heiligen Orten 2010 die Olympiastätten gebaut wurden: Keine „Sonnenschein-Beiträge“ des ansonsten „Sunnyboys“ Taufig Khalil.

Stundenlang hockt er auch für ein Interview mit Heidi Klum in Los Angeles in einer Garage – zwischen leeren Bierdosen und stinkenden Fischresten –, weil das der einzige neutrale Raum in der von Gianni Versace gestalteten Villa ist; zieht mit dem Circus Krone durch die Lande, fliegt als einziger deutscher Hörfunk/Radiojournalist beim Jungfernflug des A380 von Singapur nach Sydney und trinkt mit Udo Lindenberg in Hamburg um Mitternacht Eierlikör. Nebenbei verfasst er Reiseberichte für Magazine, recherchiert und interviewt für Audio-Kochbücher Sterneköche oder zieht für Hörspaziergänge durch Hauptstädte: Puh!

 Egal wo und was: Akribisch bereitet sich der Journalist auf alle Ereignisse vor. Sein Ruf eilt ihm voraus. 2010 wird er Reporter für den FC Bayern und begleitet die Mannschaft, wohin sie ihn führt: nach China, in die USA und natürlich in die Allianz Arena. Dem Verein ist er zwar seit seinem ersten Spiel 1974, das er mit einem Onkel in Fürth besuchte, privat zugetan, beruflich bleibt er jedoch neutral: „Ich bin schließlich in erster Linie Journalist.“

Seinen Respekt vor dem Publikum trägt er vom Stadion auch auf jede Bühne, weshalb Taufig Khalil zunehmend Angebote für Moderationen bekommt – darunter bei politischen Veranstaltungen. Selbst in aufgeheizten Situationen die Ruhe bewahrend, wird er schließlich überzeugt, als Rhetoriktrainer seine Kunst in Seminaren weiterzugeben. Nebenbei und sowieso …

Seine Leidenschaft, das Feuer, das selbst nach dem Schreiben von Büchern über Sportlegenden noch brennt, bleibt dennoch das Kommentieren im Fußballstadion. Wenn er umringt ist von Zehntausenden Fans, die die FC-Bayern-Hymne singen und bei ihm Gänsehaut und Tränchen auslösen, wenn er kaum eine Armlänge hinter der Trainerbank sitzt, dann sieht er auch immer den kleinen Taufig vor sich, wie er unter der Bettdecke dem Reporter heimlich lauscht. „Und da ist es mir völlig egal, wie das Spiel ausgeht. Weil mir meine Arbeit einfach so viel Spaß macht und ich dankbar bin, so etwas Außergewöhnliches machen zu dürfen“, sagt er dann und holt noch einmal tief Luft. „Mein Leben ist ein Geschenk, und alles, was ich mache, liebe ich unendlich.“

Maisach – volle Kraft voraus!

Maisach – volle Kraft voraus!