Maisach – volle Kraft voraus!

Maisach – volle Kraft voraus!

Fotos: Markus Schwarze, Wolfgang Zwanzger Petra Neumaier - Text: Petra Neumaier

Will man Maisach und all seine Gemeindeteile kennenlernen, muss man viel Zeit einplanen. Denn auf dem flächenmäßig größten Gemeindegebiet (53,45 Quadratkilometer) befinden sich 25 kleine und kleinste Dörfer und Weiler, mal auf „bredlplatter“ Schotterebene, mal in Tälern und auf Höhen der lieblichen tertiären Hügellandschaft. Gemächlich schlängelt sich die namensgebende Maisach durch die Landschaft, ein kleines Juwel ist das Fußbergmoos wegen seiner Artenvielfalt. Ja, schön ist es hier überall, abgesehen vielleicht von den großzügigen Gewerbegebieten, die aber gesamt Maisach sichere Einnahmen bescheren für all die vielen Aufgaben, die anstehen, um die Gemeinde noch besser, noch schöner, noch umwelt-, familien-, seniorenfreundlicher zu machen, als sie es ohnehin schon ist. „Denn Stehenbleiben geht nicht“, sagt der frisch in seinem Amt wiedergewählte Bürgermeister Hans Seidl.

Herr Seidl, in Maisach scheint die Welt noch in Ordnung. Warum steht die Gemeinde aktuell trotzdem unter Handlungsdruck?

Wenn wir weiter wachsen und gleichzeitig unsere Einnahmen sichern wollen, müssen wir aktiv und kreativ bleiben. Vor allem im sozialen Bereich steigen die Ausgaben deutlich: für Senioren, Kinder und Jugendliche sowie für die Unterstützung von Familien. Gleichzeitig erhöhen sich auch die Personalkosten bei gleicher Anzahl Mitarbeitender.

In puncto Kinderbetreuung ist die Gemeinde aber doch mit 14 Einrichtungen und zwei Mittagsbetreuungen gut aufgestellt.

Absolut. Den gesetzlichen Anspruch auf Ganztagsbetreuung, der erst ab September gilt, erfüllen wir längst – und wir haben sogar einen Überhang an Kindergarten- und Krippenplätzen. Auch den Schulkindergarten haben wir erweitert, dort können künftig 30 Kinder im letzten Kindergartenjahr noch stärker gefördert werden. Diese Einrichtung betreiben wir übrigens seit zehn Jahren, sie ist im Landkreis auf Gemeindeebene einmalig. Seit zwei Jahren nehmen wir in all unseren Betreuungseinrichtungen auch Kinder aus dem gesamten Landkreis sowie von Pendlern auf.

 

Das ist wirklich vorbildlich. Aber irgendwann werden die Kinder groß. Wie sieht es im Jugendbereich aus?

Hier befinden wir uns im Wandel. Zwar haben wir eine Jugendbegegnungsstätte in Maisach und einen Jugendraum in Gernlinden, stellen aber fest, dass sich Jugendliche heute anders treffen – eher draußen und individuell. Deshalb setzen wir ab 2027 zwei Streetworker ein. Sie gehen dorthin, wo die Jugendlichen sind, statt darauf zu warten, dass diese zu uns kommen. Gut angenommen werden unsere Skaterbahn und Multifunktionsplätze. In Gernlinden entsteht 2027 zusätzlich ein Schul- und Jugendplatz mit Laufbahn und Sprunggrube.

 

Und ab 2027 soll es ja auch noch einen Jugendbeirat geben ...

… und einen Seniorenbeirat. Mir persönlich ist zusätzlich ein Familienbeirat wichtig. Seit 2022 gehen die Geburtenzahlen zurück – von früher 150 bis 160 auf aktuell etwa 100 pro Jahr. Gleichzeitig ziehen weniger Familien zu, vor allem wegen der hohen Immobilienpreise. Das führt dazu, dass wir langfristig überaltern und uns Leistungsträger fehlen würden. Der Familienbeirat soll Ansprechpartner und Begleiter sein und Herausforderungen von Familien stärker an die Gemeinde herantragen.

 

Was kann die Gemeinde konkret für Familien tun?

Die Preise für Wohnraum können wir nicht direkt beeinflussen, aber wir entwickeln Baulandmodelle und Einheimischenprojekte. Erst kürzlich haben wir eine Fläche für 20 geförderte Wohnungen an die Landkreiswohnbaugesellschaft übergeben. Zudem unterstützen wir Familien durch gute Kinderbetreuung, Angebote für Senioren und beste Infrastruktur – damit Familie, Beruf und Freizeit in einen vernünftigen Einklang zu bringen sind.

 

Und wie schaut es konkret mit den Senioren aus?

Da das Seniorenkonzept des Landkreises lange nicht fortgeschrieben wurde, haben wir uns selbst auf den Weg gemacht. Wir schaffen eine Stelle für aufsuchende Seniorenarbeit – im Prinzip ein „Streetworker“ für ältere Menschen. Ziel ist es, Vereinsamung vorzubeugen und Teilhabe zu ermöglichen. Die neue Stelle hat auch die Aufgabe, sorgende Gemeinschaften und ein Quartiersmanagement aufzubauen – denn eines ist uns klar: Staatliche Hilfen und Organisationen werden in den nächsten Jahren noch mehr an Überforderung leiden. Die Nachbarschaftshilfe und die Initiative 60plus bieten einen offenen Mittagstisch an. Generell hat 60plus einige neue Aktivitäten für unsere Senioren, und wir konnten dem Verein jetzt eigene Räume in einer Maisacher Senioreneinrichtung anbieten. Zudem wird in Maisach in der Kirchenstraße 1 ein Zentrum für Soziales entstehen.

 Anderes Thema, weil gerade wieder groß im Gewerbegebiet Gernlinden gebaut wird: Wie steht es um die Wirtschaft vor Ort?

Unsere vier Gewerbegebiete sind stabil und gut aufgestellt. Das Unternehmen in Gernlinden erweitert zum Beispiel gerade von 800 auf 1000 Mitarbeiter. Trotz Krisen gab es bei uns nur vereinzelt Standortschließungen, die bereits wieder mit guten Unternehmen aufgefüllt werden konnten. Das zeigt, dass unsere Struktur funktioniert. So können wir auch der nächsten Generation Perspektiven bieten.

 

Dazu gehört sicher auch die Energiewende. Welche Rolle spielt Maisach hier?

Eine sehr nachhaltige. Seit 2008 treiben wir sie voran, zunächst mit Photovoltaik, später auch mit Windenergie gemeinsam mit Mammendorf. Derzeit sind sechs weitere Windkraftstandorte genehmigt oder in der abschließenden Genehmigungsphase.

 

Andernorts gibt es großen Widerstand gegen Windräder – warum nicht in Maisach?

Wir haben die Bürger von Anfang an beteiligt. Kluge Köpfe aus Maisach haben wir an einen Tisch gebracht, die die Bürgerenergie Maisach gegründet haben. Auch diesbezüglich haben wir uns vielleicht eine kleine Vorbildfunktion erarbeitet.

 

Aber das reicht wohl nicht: Zusätzlich plant die Gemeinde eine Biomüll-Vergärungsanlage?

Bislang wird der Biomüll nach Kelheim transportiert – das ist ökologisch und ökonomisch nicht tragbar. Mit den drei Landkreisen Fürstenfeldbruck, Dachau und Starnberg sind wir im Gespräch. Sie wollen hier in Maisach eine Anlage bauen und betreiben. Das gewonnene Biogas soll vorrangig im Ort Maisach genutzt werden. Auch Fernwärme- und Geothermieprojekte sind derzeit für Maisach in Planung. Die seismischen Untersuchungen für das Geothermieprojekt sind bereits angelaufen.

 

Damit wird die Gemeinde ja nahezu komplett unabhängig?

Das ist unser Ziel. Denn die Krisen haben gezeigt, wie wichtig eigene Energiequellen sind. Wer heute nicht versteht, dass Abhängigkeit gefährlich ist, verkennt die Lage. Mit eigener Energie wird Maisach ein führend attraktiver Standort für Wohnen und Gewerbe in Zukunft sein.

 

Wie verbinden Sie aber das Wachstum mit Umwelt- und Klimaschutz?

Das ist eine Herausforderung. Natürlich brauchen wir Einnahmen, aber wir stellen hohe Anforderungen an neue Bauprojekte: etwa Photovoltaik auf Dächern, Begrünung von Fassaden oder nachhaltige Heizsysteme. Seit 2025 pflanzen wir außerdem verstärkt Bäume im Ortsbereich, auch wenn das nicht überall auf Zustimmung stößt. Aber sie sind wichtig für das Klima. Die Baumschutzverordnung wurde ebenfalls ausgeweitet.

 

Welche neuen Angebote gibt es darüber hinaus?

Neben einem innerörtlichen Busangebot und attraktiven Verbindungen nach außen sind ganz neu die sechs Fahrradstationen mit insgesamt 45 Leihrädern an stark frequentierten Orten wie Bahnhof oder Ortszentrum. Die Räder werden digital erfasst und wieder eingesammelt. Wir sind gespannt, wie gut dieses Angebot angenommen wird.

 

Und wie entwickeln sich Infrastruktur und Bauprojekte?

Alle Schulen sind Mitte 2027 saniert, in Gernlinden werden gerade die Grundschule und Mittagsbetreuung erweitert. Mehrere Wohnprojekte und ein Gewerbeprojekt sind in Planung – eng abgestimmt mit unserer Infrastruktur. Wir wollen, trotz Rezession, keine vorhandenen Angebote streichen. Deshalb planen wir derzeit auch die Sanierung des Freibads. Gleichzeitig arbeiten wir an der Sanierung des Bürgerzentrums Gernlinden. Da die große Sanierung mit rund 18 Millionen Euro finanziell nicht leistbar ist, versuchen wir, in kleineren Schritten die Sanierung und damit den Weiterbetrieb des Bürgerzentrums zu garantieren. Ein großes Anliegen ist mir weiterhin das Projekt Tierheim. Ich bin dankbar, dass sich 17 von 23 Landkreiskommunen dazu bekannt haben. Derzeit suchen wir überörtlich einen möglichen Betreiber, über Interessierte würden wir uns freuen.

 

Zum Abschluss: Was treibt Sie persönlich in Ihrer letzten Amtsperiode an?

Meine Eltern hatten einen landwirtschaftlichen Vollerwerbsbetrieb, ich bewirtschafte einen Teil noch im Nebenerwerb. Das hilft mir, geerdet zu bleiben und meine Verbundenheit zur Natur aufrechtzuerhalten. Mein persönliches Ziel für diese Wahlperiode ist, möglichst viele Themenfelder, die wir derzeit bearbeiten, gut zu bestellen, um der nächsten Generation gute Voraussetzungen mitzugeben.

Unterm Brucker Himmel

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