Für den kleinen Hunger zwischendurch
Fotos: Archiv Olching, Wolfgang Gierstorfer - Text: Petra Neumaier
Jahrzehntelang waren sie – abgesehen von einigen wenigen Exemplaren an Bahnhöfen oder Badeseen – im Landkreis wie vom Erdboden verschluckt. Dabei waren Kioske früher im gesamten Ort präsent und prägten das Alltagsleben maßgeblich, besonders zwischen 1920 und 1980. Erst in jüngerer Zeit sprießen sie in Gemeinden und Städten wieder wie Pilze aus dem Boden. Allerdings eher als begehbare Miniläden. Denn einst war ein Kiosk ein freistehendes Häuschen, ein kleines Hüttchen oder ein improvisierter Verkaufsstand, aus dem die Waren durch ein Fenster gereicht wurden.
Vor allem in den 1950er- bis 1980er-Jahren waren die „Standl“, wie sie im Volksmund genannt wurden, nach Ladenschluss die Rettung für Hungrige und Vergessliche. Gebäck, Getränke aller Art – zunächst Sodawasser und Limonade, später auch Flaschenbier – gehörten zum Angebot eines jeden Kiosks. Tabakwaren und Süßigkeiten bildeten jedoch das eigentliche Kerngeschäft: Automaten waren auf dem Land kaum verbreitet. Die Zeitung am Kiosk zu kaufen, war ebenso selbstverständlich wie ein kurzer Plausch mit anderen Passanten oder dem Betreiber über das aktuelle Geschehen. Und natürlich wurde auch der neueste Dorftratsch ausgetauscht.
Therese Schwarz mit ihrem Sohn Sepp Limbacher, um 1930
Allein in Olching, so fand Archivarin Angelika Steer heraus, gab es mehrere solcher Standl. Einer davon war der Kiosk von Therese Schwarz, der sich auf Höhe der früheren Sport-Ecke befand. Von 1921 bis 1949 betrieb sie ihn in einer kleinen, charmanten Hütte, die sogar ihren Namen trug. Auch der Kiosk vor dem Bahnhof versorgte Reisende mit Brotzeiten und Tabak. Das „Polizeistandl“ von Franz Xaver und Margarethe Geith war bereits eine Mischform aus Brotzeitstube und Kiosk. Da es sich neben der alten Polizeiinspektion im Rathaus in der Blaumeisenstraße befand, zählten neben den Ordnungshütern Verwaltungsangestellte zu den Stammkunden: „Für Olchings Feuerwehrmänner waren die Wurstsemmeln am Samstagnachmittag geradezu ‚lebensnotwendig‘“, erzählt Angelika Steer.
Der Kiosk gegenüber dem alten Bahnhofsgebäude, 1971
Der Kiosk am Bahnhof wurde von 1958 bis zur Umgestaltung des Bahnhofsplatzes ab 1971 im Zuge des Neubaus von Peter und Elisabeth Heistracher betrieben. Zu ihrem Sortiment gehörten zudem Fahrkarten für den öffentlichen Nahverkehr, Telefonkarten, Briefmarken und gelegentlich sogar kleine Souvenirs. Im neuen Bahnhofsgebäude führten sie den Kiosk noch einige Zeit weiter.
Die Aufnahme von 1968 zeigt den alten Bahnhof mit den Kiosk gegenüber
An der Münchner Straße eröffnete Therese Hölzlhammer 1950 ihren Kiosk, der zuletzt dunkelgrün gestrichen war und über drei Stufen betreten wurde. Erst nach mehr als vier Jahrzehnten schloss er Ende der 1980er-Jahre. Ein besonderer Blickfang waren zwei hölzerne Hirschköpfe zur Straßenseite: Die Vorzeichnung dafür stammte vom Fürstenfeldbrucker Maler Ludwig Gierstorfer.
In der Ordenslandstraße deckten sich vor allem Kinder beim „Gustl“ tagsüber mit Süßigkeiten ein. Gaststättenbetreiber August Brod verkaufte dort von 1965 bis 1984 im Straßenverkauf allerlei Naschereien. Besonders begehrt waren die kleinen Eistörtchen. Schnell vor oder nach der Schule das Taschengeld in Lutscher und andere Leckereien einzutauschen, gehörte für viele Kinder zu den Höhepunkten des Tages. Besonders beliebt war die „bunte Tüte“, individuell zusammengestellt aus losem Süßkram: Kaugummizigaretten, Esspapier, Knister-Kaugummi, Lutschmuscheln, Ahoi-Brause, PEZ-Spender und Weingummi. Wunderkugeln und Eiskonfekt zählten ebenso zu den Favoriten.
Die Seeschänke mit ihrem kleinen Biergarten, 2002
Eine feste Institution war der Kiosk am Olchinger See. Während der Badesaison verkaufte dort Maria Linkenheil von 1951 bis 1965 in der Ascherbachstraße 81 Eis, Süßigkeiten und Flaschenbier. Anschließend eröffnete ihr Mann Albert Linkenheil in der Ascherbachstraße 85 eine Seeschänke, die er bis zu seinem Tod im Jahr 1974 führte. Der Kiosk wurde anschließend etwa 25 Jahre weitergeführt, bis er durch neues, großes italienisches Restaurant mit integriertem Außenverkauf ersetzt wurde. Das Pendant zum alten Kiosk existiert heute noch am Ende des Sees in einem blauen Holzhaus.
Der ehemalige Kiosk in der Fürstenfeldbrucker Straße, um 2012
An den Bahnhöfen wurden Kioske zudem häufig durch Selbstbedienungsautomaten ersetzt. Längere Öffnungszeiten und die günstigeren Preise des Großhandels machten den anderen schließlich das Überleben schwer. Hinzu kamen strenge Gesundheitsauflagen, insbesondere wenn Snacks angeboten wurden. Den letzten seiner Art in Olching schlossen 2012 Reinhold und Rosemary Bäckerbauer – mit ihrem beliebten Kiosk samt Imbissstube am Ortsausgang in Richtung Fürstenfeldbruck verschwand nach fast 40 Jahren auch ein Stück gelebter Ortsgeschichte.
Ursprünglich war ein Kiosk ein nach mehreren Seiten geöffneter, freistehender Pavillon in Park- und Palastanlagen im islamischen Kulturraum. Im 19. Jahrhundert wurden aber auch Gartenpavillons in Parkanlagen als Kioske bezeichnet „von welchen aus man den Anblick einer schönen Landschaft genießt“. Nach 1900 waren die Pavillons als Aussichtspunkte aus der Mode gekommen und die Bezeichnung wurde auf kleine, freistehende Verkaufsbuden in den Städten übertragen. Bis in die 1970er waren sie oft die einzige Versorgung außerhalb von Ladenöffnungszeiten.

