Der große Wassermann
Fotos: Simon Katzer – Text: Petra Neumaier
Die Wellen türmen sich zwei Meter hoch. Wie Treibholz werfen sie den Körper vor und zurück und lassen ihn scheinbar nicht vorankommen. Dazu die außergewöhnlich starke Strömung – und die anderen Schwimmer. Arme, Beine, vorne, hinten, rechts und links. Tritte, Schläge. Eine Tortur, wäre da nicht dieses unglaubliche Glücksgefühl, das alle Anstrengungen in den Schatten stellt. Für Bernhard Ulrich (63) aus Gröbenzell war 2025 die Teilnahme an der Ironman-Teildisziplin „Ho’ala Swim“ auf Hawaii der Höhepunkt seiner Schwimmkarriere – einer Karriere, die als Jugendlicher so hoffnungsvoll begann, durch einen Unfall jäh unterbrochen wurde und die der mehrfache Weltmeister im letzten Lebensdrittel fortsetzt.
Einladend glitzert der Olchinger See, der an diesem Herbsttag für Otto-Normal-Schwimmer bereits zu kalt ist. Nicht für Bernhard Ulrich. Wasserblau strahlen seine Augen aus dem braungebrannten, freundlichen Gesicht. „Ich hab' einen natürlichen Biopren“, sagt er, klopft sich lachend auf den Bauch und steigt in den See, als wäre er eine wohltemperierte Badewanne. Routiniert schöpft er mit seiner hauchdünnen Badekappe Seewasser und stülpt sie sich über den Kopf. So machen es die Profis – und ein solcher ist der Gröbenzeller schließlich. Seit über 50 Jahren.
1963 in Graz (Österreich) geboren, zieht die Familie zwei Jahre später nach München – mitten in die Altstadt. Kein Gewässer weit und breit, trotzdem lernt der Bub bereits mit vier Jahren schwimmen. Ein Foto zeigt ihn mit Schwimmflügeln in einem See. Dass ihm das Schwimmen leichtfällt, wird schnell klar. Mit sechs Jahren tritt er in den „Verein für volkstümliches Schwimmen“ ein, wo Bernhard Ulrich schon bald als „Naturtalent“ entdeckt wird.
Das Jahr 1972 wird für ihn zu einem Schlüsselerlebnis. Vom Verein ausgewählt, darf er bei den Olympischen Sommerspielen als Überbringer von Mitteilungen helfen – Fax und E-Mail gibt es damals noch nicht. „Ganz kurz und nur von Weitem sah ich Mark Spitz!“, erzählt er noch heute begeistert.
Von dieser Beinahe-Begegnung motiviert, fährt Bernhard Ulrich fortan mit der ersten U-Bahn des Tages ins Schwimmbad des Olympiazentrums: Training von 6 bis 7.40 Uhr, um 8.15 Uhr beginnt die Schule. Am Nachmittag Krafttraining – Hausaufgaben werden manchmal gemacht, „manchmal auch nicht“. Abends stehen noch einmal zwei Stunden Schwimmtraining auf dem Programm. Sieben Tage die Woche, in den Ferien geht es mit dem Bayerischen Kader in die Sportschule nach Grünwald. Bereits 1976 gehört Bernhard Ulrich der Jugendnationalmannschaft an. Seine Paradedisziplinen: 200 und 400 Meter Lagen sowie 400 Meter Kraul.
1979/80: Bayerischer Jahrgangsmeister
1981: Deutscher Vizemeister
Schwimmen ist sein Leben – die Schule eher Nebensache. Weil er für Wettkämpfe nicht freigestellt wird, meldet ihn seine Mutter während der Deutschen Meisterschaften in Bonn krank. Der Schwindel fliegt auf, als Bernhard Ulrich den zweiten Platz belegt und in der Presse auftaucht. Er wird zum Rektor zitiert und erwartet einen Verweis. „Aber er wollte mir nur gratulieren.“ Bernhard Ulrich ist von diesem Zeitpunkt an der Star der Schule. Bis …
Das Ende seiner Karriere als Profi-Schwimmer:
… zum 4. August 1982. Der damals 18-jährige Bernhard Ulrich verbringt mit Klubfreunden, darunter die WM-Schwimmerin Doris Wiebke, einige Tage auf Paros in Griechenland. Eine traumhafte Insel mit Sandstränden und hohen Klippen, von denen die übermütigen Jugendlichen springen. Mit einem Köpfer taucht Bernhard Ulrich in das glasklare Wasser:
Selbst 44 Jahre später erinnert er sich an jedes Detail: wie sein Kopf auf den Sand prallt, an das dumpfe Geräusch, an das Schweben unter Wasser, unfähig zu jeder Bewegung; an das „irre“ Gefühl, alle Zeit der Welt zu haben und Sekunden, die wie eine Ewigkeit erscheinen. Bilder laufen vor seinem inneren Auge ab. Erinnerungen. Seltsamerweise keine Panik ... Bis heute hat Bernhard Ulrich keine Ahnung, wie er wieder an die Wasseroberfläche kam. „Vielleicht meine positive Lebenseinstellung?“
Sein Versuch, auf sich aufmerksam zu machen, schlägt zunächst fehl. Doris Wiebke sieht ihn, hält sein Verhalten jedoch zunächst für einen Scherz. Schließlich reagiert sie doch und zieht den Freund gemeinsam mit Teamkamerad Thomas Richter aus dem Wasser. Über die Rettungsaktion der damals 21-jährigen Deutschen Meisterin über 200 Meter Delphin berichtet später eine Zeitung.
Bernhard Ulrich wird zu einem Arzt auf der Insel gebracht. Die Diagnose: Halswirbelbruch. Ein provisorisches Korsett stabilisiert seinen Körper, der trotz Lebensgefahr neun Stunden lang per Schiff nach Athen in eine Spezialklinik transportiert wird. Gegen die fürchterlichen Schmerzen in den von der Parese betroffenen Gliedern bekommt er ein Opiat. „Sonst hätte ich es nicht ausgehalten.“
In Athen sind die Ärzte ratlos. Durch Zufall trifft Doris Wiebke in einem Hotel auf Professor Dr. Helmut Kral, den Arzt der Leichtathletik-Nationalmannschaft. Er ordnet eine fachgerechte Behandlung an und lässt den Verletzten nach München fliegen. In der Spezialklinik zeigt sich erst der Ernst der Lage: Die Nervenstränge sind fast durchgerissen – ein Millimeter mehr und Bernhard Ulrich hätte nicht überlebt. „Vermutlich haben mich meine starken Nackenmuskeln gerettet“, mutmaßt er. Als Glück bezeichnet er bis heute auch, dass sich der Arzt gegen eine komplizierte Operation entscheidet. „Ich glaube, das kann wieder von allein heilen“, meint dieser – und behält recht. Doch bis dahin werden noch Jahre vergehen.
Für Bernhard Ulrich ist klar: „Ich muss etwas anderes machen.“ Schon während der Reha beginnt er ein Studium der Betriebswirtschaftslehre und der Rechtswissenschaften. Schwimmen ist nur noch Nebensache, auch wenn er 1984 seinen Tauchschein macht. „Im Wasser fühle ich mich wohler als an Land.“ 1993 schließt er seine Promotion in Sozial- und Wirtschaftswissenschaften in München mit summa cum laude ab und setzt mit einem Masterstudium an der Harvard Business School in Boston noch einen weiteren akademischen Abschluss obendrauf und wird ein erfolgreicher Unternehmer.
Erfolge (Auswahl): Bayerische Meistertitel, Teilnahmen an Europa-, Welt- und Deutschen Meisterschaften, 2024 Sieger bei den World Company Sport Games (200 Meter Freistil, 100 und 50 Meter Brust), 2025 Europameister über 100 Meter Brust sowie über 50 Meter Schmetterling und 50 Meter Brust.
Vor 15 Jahren beginnt Bernhard Ulrich wieder mit dem Vereinstraining – in Dachau. Mehrmals pro Woche schwimmt er bis zu fünf Kilometer, vor Wettkämpfen auch deutlich mehr. Nicht nur in Hallenbädern, sondern oft auch in Seen und im Meer. So etwa im Trainingslager für Triathleten auf Teneriffa, wo er die durchtrainierten Sportler mit seiner optisch wenig athletischen Figur regelmäßig in Erstaunen versetzt. Der Gröbenzeller schmunzelt: „Wenn man die Technik einmal konnte, verliert man sie ein Leben lang nicht.“ Und dann schwimmt er allen davon.
2025 erfüllt sich Bernhard Ulrich einen langgehegten Traum: die Teilnahme an der Ironman-Teildisziplin „Ho’ala Swim“ auf Hawaii. Die 3,8 Kilometer lange Original-Schwimmstrecke, auf der sonst die besten Triathleten der Welt starten, gilt es zu bewältigen. Im Pool ein Klacks – im Meer hingegen muss dafür hart trainiert werden. Ein ganzes Jahr lang bereitet er sich auf die Herausforderung vor.
Etwa zehn Schwimmer seiner Altersgruppe gehen mit ihm an den Start, insgesamt sind rund 800 Teilnehmer dabei. Mit der Startnummer 156 stürzt sich Bernhard Ulrich ins badewannenwarme Meer. Zwei Tage braucht er, um sich von den Strapazen zu erholen. Doch der Zieleinlauf nach 52 Minuten und 42 Sekunden sowie die Medaille werden für ihn zu einem unvergesslichen Erlebnis – eines, das sogar seine zahlreichen Auszeichnungen bei bayerischen Titelkämpfen, Medaillen bei Deutschen Meisterschaften und viele Sportlerehrungen übertrifft.
Sein Lebensmotto „Wenn ich etwas mache, dann richtig“ lebt Bernhard Ulrich nicht nur im Wasser, sondern auch beruflich. Als Unternehmensberater hat er sich auf fast insolvente Unternehmen spezialisiert, die er übernimmt und zu erfolgreichen Firmen entwickelt – teilweise bis hin zum Weltmarktführer. „Es ist ein sehr schönes Gefühl zu erleben, wie glücklich Mitarbeiter sind, wenn sie in den Mittelpunkt gestellt werden und mitbestimmen können – und wie schnell sich dadurch Firmen sanieren lassen“, verrät er das Geheimnis seines Erfolgs. Die Ideen dafür kommen ihm beim Schwimmen. „Da kann ich am besten meine Gedanken ordnen.“
Im Juni 2026 tritt Bernhard Ulrich bei den World Company Games in Dänemark an – und kehrt mit drei Goldmedaillen zurück: über 100 Meter Brust, 100 Meter Lagen und 50 Meter Delphin. Lebensziel erreicht? Bernhard Ulrich schmunzelt. Beim Weltcup im Freiwasserschwimmen auf Mallorca möchte er gerne noch an den Start gehen. Dann mal los!

